Weingut Lackner Tinnacher

Archaische Formen mit neuem Glamour. box-Redakteur Henry Sams zu Besuch am Weingut Lackner-Tinnacher in Steinbach, Gamlitz.

 

Fritz Tinnacher ist einer jener stillen Größen im steirischen Weinbau, der sein unbestritten fundiertes Können und seine fachliche Kompetenz nicht mit lauten Gesten nach außen trägt. Gemeinsam mit seiner Frau Wilma bewirtschaftet der Önologe das rund 16 Hektar umfassende Weingut Lackner-Tinnacher in Steinbach in der Marktgemeinde Gamlitz. Der symphatische Weinbauer entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als „innovativer Traditionalist“. Er verarbeitet nur seine eigenen, keine zugekauften Trauben und für den Ausbau der Weine werden auch keine französischen Barriquesfässer verwendet. „Boden und Klima unserer Weinberge bestimmen im wesentlichen die Qualität unserer Weine – und zwar unabhängig von Kellertechniken und Vinifizierungsverfahren.“

 

Auf die natürlichen Wachstumsbedingungen wird in diesem Weingut stärker eingegangen als üblich, denn sie sind von entscheidender Bedeutung für Art und Güte des Weins. Die speziellen Lagen wie Steinbach, Welles oder Eckberg sind für Fritz Tinnacher daher hauptverantwortlich für große Weine, natürlich immer im Zusammenwirken von Mensch und Technik. Diese verbirgt sich im neuen 700 Quadratmeter großen Weinkeller, der im Jahr 2000 von der Baufirma Röck errichtet wurde.

Der Grazer Architekt Rolf Rauner setzte mit dem Grundkonzept dieses Neubaues ein selbstbewusstes Zeichen und ließ Historie und Moderne in ein spannendes Verhältnis treten. Dabei ist er eine intensive Kommunikation mit der Natur eingegangen, das Flachdach wurde begrünt und damit zur Erholungswiese, die Ausgestaltung der Fassade ist in Holz gehalten. Dadurch entstand ein überraschender Kontext mit der Umgebung. „Der neue Keller sollte präsent sein, sich aber nicht gegenüber dem historischen Weingut vordrängen“, so Wilma Tinnacher. „Denn gute Architektur kann ruhig schlicht wirken, um erfolgreich zu sein.“

 

Durch und durch funktionell ist das Innenleben des neuen Weinkellers. Hier wird die kühle Eleganz der Edelstahltanks nahtlos abgelöst von der Harmonie der großen Holzfässer, in denen die Lagenweine reifen. Und mit dem Archivlager als Verbindungselement zwischen Keller und altem Trakt wurde von Innenarchitekt Wilfried Breitenthaler nicht nur ein Bollwerk des guten Geschmacks installiert, sondern auch eine besinnliche Interieurszene geschaffen, von der aus das Weingut als Einheit spürbar wird.

 

Der Verkostungsraum im historischen Weingut mit seiner rund 300 Jahre alten Bausubstanz verkörpert das absolute Minimum von zeitgenössischer Architektur, er hat etwas Vertrautes und es kommt ein durch und durch angenehmes Gefühl auf. Die Raumkomposition ist ruhig und klar strukturiert, zudem verleiht die archaische Form dem Raum optische Grösse und Weitläufigkeit und durch die tiefen und warmen Töne wird die Auflösung der gewohnten Umrisse zum Bruch für gängige Sehgewohnheiten. Man erhält dadurch offene Rückzugsmöglichkeiten, ohne dass Barrieren den Raum unterteilen. Hier kann man vor allem eines: sich dem vollkommenen Weingenuss in seiner brilliantesten Form hingeben – direkt beim Weinbauern.

 

 


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