Der neue Chef des österreichischen Tennis-Daviscup-Teams erzählt im

box-Interview von

seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Gespräch führten Elisabeth

 

Fink-Stoisser und Gerhard Ogrisek.

box: Thomas, du hattest deine Domizile an so schönen Plätzen wie Monaco oder Australien bezogen, lebst jetzt aber wieder in der Steiermark. Was bewog dich dazu, wieder in die alte Heimat zurück zu kehren?

Thomas Muster: Schon mit 15 Jahren ging's für mich ins Tennis-Leistungszentrum Südstadt bei Wien und nach dem Bundesheer folgte Monaco vor allem aus trainingstechnischen Gründen. Steuerlich interessant wurde es ja erst später. Österreich war in dieser Zeit immer nur Zwischenstation. Urlaube in Leibnitz beschränkten sich oft auf einen Tag. Ein Nomadenleben. Darum genieße ich es jetzt richtig, hier zu leben.

 

box: Gibt es aus alten Schultagen noch Freunde in Leibnitz?

Muster: Wenn man so jung weggeht, verliert man sich automatisch aus den Augen. Und während meiner Schullaufbahn in Leibnitz ging es immer darum, dass ich nachmittags in Graz trainieren konnte. Meine Freizeit habe ich in Graz beim Training verbracht und nicht am Fußballplatz in Leibnitz.

Jetzt, wo ich permanent in Leibnitz und Graz unterwegs bin, schließt sich der Kreis wieder. Schulkollegen und alte Bekannte von damals sieht man wieder, Freundschaften werden reaktiviert und neue kommen hinzu.

 

box: Wäre aus beruflichen Gründen nach Australien nicht Wien naheliegender gewesen? Weshalb ging es zurück nach Leibnitz und Graz?

Muster: Wien kenne ich zwar von geschäftlichen Anlässen, als Wohnort kam die Bundeshauptstadt aber nie in Frage. Die Steiermark bot sich da als die bessere Alternative an. Leibnitz erschien mir früher vielleicht zu klein, mittlerweile sehe ich das anders. Ich finde es sehr amüsant, dass man hier jeden kennt, Freunde jederzeit anrufen und sich treffen kann. In einer Großstadt ist das nicht so einfach, man ist auf Öffnungszeiten angewiesen und an Termine gebunden. Die Atmosphäre hier ist einfach freizügiger und offener.

 

box: Wie kommst du mit deiner Prominententrolle hier in Leibnitz zurecht?

Muster: Man hat sich in Leibnitz mittlerweile daran gewöhnt, dass ich da bin. Man sieht mich mit meinem amerikanischen Humer-Mobil durch die Gegend fahren, aber auch das kennt man ja schon. Früher war es für viele vielleicht spannender, denn anfangs gab's immer gleich einen Auflauf, wenn ich da war, jetzt hat sich das eingependelt.

Lustigerweise gibt es immer wieder Kinder, die mich aus meiner aktiven Zeit nicht mehr kennen und deren Eltern ihnen erst erzählen müssen, wer ich bin.

Die Privatsphäre ist also gegeben. Die Leute sind überhaupt nicht aufdringlich. Außerdem komme ich ja immer wieder raus aus Leibnitz.

 

box: Du hast eine Wohnung in Graz und vor kurzem Grund und Boden in der Südsteiermark erworben. Wird der Hochkittenberg in der Gemeinde Kaindorf der neue Hauptwohnsitz von Thomas Muster?

Muster: Die Kombination aus Leibnitz und Graz ist ganz gut. Graz ist eine nette, kleine Stadt mit vielen Möglichkeiten. In Graz stelle ich zur Zeit eine Wohnung und ein Büro fertig. Auf meinem Grundstück hier in der Südsteiermark plane ich etwas zu bauen. Später soll dort auch mein Hauptwohnsitz sein. Gemeldet bin ich ja jetzt schon in Leibnitz.

 

box: Erinnerst du dich an Leibnitzer, die bei deinem Karrierestart wichtig für dich waren?

Muster: Meine Eltern natürlich, aber auch die Tenniskollegen Helmut Veit, Manfred Kolaritsch oder Siegwald Gschier; alle die mich gesehen, die mit mir gespielt und meine Entwicklung mitgemacht haben. Damals hieß es immer: „Der Kleine ist nicht auszuhalten, den hörst sogar am Hauptplatz schreien, wenn du Richtung Tennisplatz fährst.“

Im Leibnitzer Tennis-Club herschte immer eine tolle Atmosphäre, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und Obmann Günther Kaszyca hat stets für ein richtiges Clubleben gesorgt. Für das Leibnitzer Tennis ist er ja eine echte Institution. Für mich persönlich hat alles mit einem Sommertenniskurs für Kinder begonnen.

 

box: Wann war das und wie ging's dann weiter?

Muster: Angefangen hab' ich 1975. Damals hat es gar keine Tennishalle gegeben. Nur in Graz gab es eine Traglufthalle. Ich denke, die Leibnitzer Tennishalle ist erst 1978 gebaut worden. Und Tennisplätze gab es nur in Leibnitz, Wildon, Mureck und in Graz. Anfang der 80er kam es dann zum Tennis-Boom und der Sport ist immer populärer geworden. Heute gibt es fast in jedem Dorf eine Kirche und einen Tennisplatz.

box: Wie war die erste Zeit in Wien, im Leistungszentrum Südstadt?

Muster: Wenn du als Steirer in ein Internat mit Niederösterreichern kommst, dann bist du schnell der Außenseiter. Aber man lernt sich zu behaupten, ich sah das als Motivation nach dem Motto ‘Ihr könnt's mich häkeln, aber am Platz bin ich der Bessere'. Am Anfang war es reine Verzweiflung, die man als Kind empfindet. Nur mit Mehreinsatz habe ich das geschafft. Das sind eben Hürden, die man überwinden muss.

 

box: Mit deinen ersten internationalen Erfolgen wurdest du das große Vorbild für viele Jugendliche. Heute hingegen sind viele andere Trendsportarten wie etwa Golf, Snowboard oder Skateboard bei den Kids „in“. Außerdem fehlen die großen Identifikationsfiguren im österreichischen Tennis. Reicht da die Motivation für den Nachwuchs? Gibt es genug Kinder und Jugendliche, die im Tennissport nachfolgen?

Muster: Das Freizeitangebot ist größer geworden, die meisten Kinder sitzen vor ihren Computern – es ist nicht leicht, jemanden zum Sport zu bringen. Auch die Medien färben auf die Kinder stark ab. Früher war das nicht so arg. Letztendlich ist es auch anstrengender, sich zu bewegen als ein Computerspiel zu spielen. Zudem sind oft beide Eltern berufstätig. Da fehlt oft die Zeit, Kinder zum Training zu bringen und wieder von dort abzuholen. Andererseits kann man Kinder sicherlich für einen Sport wie Tennis begeistern. Das ist mein Ziel: Ich will erreichen, dass sich Kinder selber entwickeln und nicht einem Thomas Muster nacheifern. Ganz wichtig dabei ist der pure Spaß am Tennisspielen selbst.

 

box: Du engagierst dich persönlich für das Projekt „Tennis-Musterland Steiermark“. Worum geht es dabei genau?

Muster: Wir wollen mittelfristig ein Tenniszentrum Steiermark mit einem Ausbildungszentrum, Internat und idealen Trainingsbedingungen für aufstrebende Tennistalente errichten. Nach der Grundschule geht es ins Internat mit Schulabschluss, begleitet von zwei intensiven Trainingseinheiten pro Tag. Der Standort Graz läge zentral, es gibt bereits intensive Gespräche mit den politisch Verantwortlichen. Im Moment sind wir gerade dabei, Kinder im Alter zwischen sieben und elf, die im Tennis weiterkommen wollen, auszuwählen.

 

box: Wer genau wird an diesem Zukunftsprojekt beteiligt sein?

Muster: Einerseits der Steirische Tennisverband, andererseits das neu kreierte „Tennis-Musterland Steiermark“.

Sinnvoll wäre es, wenn der Verband über die Vereine und das Land Unterstützung für den Breitensport bekäme. Das Musterland Steiermark hingegen könnte über Sponsoren aus der Wirtschaft finanziert werden und somit gezielt den Spitzensport fördern.

Eine eigene Infrastruktur zu schaffen wäre wichtig. Mir schwebt daher eine unabhängige Ausbildungsstätte vor, in der die eigene Identität des Projektes mit einen bestimmten Standort gekoppelt wäre.

 

box: Neben deinem neuen Job als Kapitän der österreichischen Daviscupmannschaft, deinem Engagement für den Nachwuchs und den Turnieren, die du auch heuer wieder auf der Senior Champions Tour spielen wirst, stellt sich die Frage, wie sich das alles vereinbaren lässt?

Muster: Das lässt sich nur vereinbaren, wenn auch der Job als Daviscup-Kapitän direkt an die Jugendarbeit gekoppelt ist. Sonst gibt es nur ein medialen Flash, der kurzfristig wirkt. Aber langfristig, ist eine nachhaltige Nachwuchsarbeit wichtig, und die Beantwortung der Frage wie man das aufbauen kann. Zwar haben wir auch jetzt ein solides Daviscup-Team, aber je besser die Konkurrenz im eigenen Land desto besser wird es. Man kann das bei den Skifahrern sehen.

Natürliche ist es eine Knochenarbeit, Kinder zum Tennis zu bringen, sie zu filtern und in Leistungsgruppen einzuteilen. Das Ganze ist zeitintensiv und kostet viel Geld. Wenn ich aber nicht in die Jugend investiere, werde ich auch keinen Spitzenspieler herausbringen. Falsch wäre der Gedanke, dass ein Spitzenspieler reicht, um die anderen mitziehen zu können. Nur über die Breite komme ich zur Spitze. Deshalb wünsche ich mir für dieses Projekt eine möglichst große Unterstützung.

 

box: Wie steht es mit der Resonanz auf dein Nachwuchs-Tennis-Projekt?

Muster: Medial haben wir eine gute Präsenz, auch in der Politik ist man daran sehr interessiert. Tennis ist nach wie vor die drittgrößte Sportart in Österreich mit vielen Vereinen und Mitgliedern. Viele Tennisspieler kehren mittlerweile vom Golf zum Tennis zurück, weil sie beim Golf zu wenig Bewegung haben. Außerdem hat Golf in Österreich eine Saison von sechs bis sieben Monaten, Tennis ist mittlerweile ein Ganzjahressport.

 

box: Was werden deine Hauptaufgaben als neuer Daviscup-Kapitän sein?

Muster: Ich werde mich vorerst auf die Beobachtung der Spieler konzentrieren. Das ist besonders wichtig. Und dann geht es mir darum, den Teamgeist und die Motivation unter den Spielern zu stärken. Die Bühne gehört ja den Spielern und nicht dem Kapitän.

 

box: Thomas Muster hatte immer die Willensstärke und den Ehrgeiz, die Nummer Eins zu werden. Aber wie ist das: Hat das einer oder kann man das jemandem beibringen?

Muster: Man kann es jemandem beibringen. Es ist nahe an eine Vision gekoppelt. Wenn man ein Ziel hat, das und das zu machen, dann ist das und das auch möglich. Man braucht ein Grundkönnen, Talent, Willensstärke, Ausdauer, du musst für diese Sache leben, alles aufgeben, du darfst dir keinen Ausweg und kein Hintertürl offen lassen. Sonst geht man den Weg des geringsten Widerstandes und kommt nie an's Ziel.

 

box: Hat es für dich auch einmal einen anderen Berufswunsch gegeben?

Muster: Ich wollte eigentlich immer Tischler werden. Mein Kinderzimmer war immer eine einzige Werkstatt. Ich hab gerne mit Holz gearbeitet. Ich hab geschnitzt und Seifenkisten gebaut. Naheliegend war auch der Fußballerweg vom Vater her. Die Entscheidung war knapp, aber ich hab mich für das Tennis entschieden: Schule aus, Profi werden. Die Schule war für mich der Horror. Jedes Turnier war willkommen. Tennis war mein Job – zu 100%.

 

box: Tischler und Fußballer bist du zwar nicht geworden, aber im Vorjahr bist du unter die Mode-Designer gegangen. Wie kam es zur Mode-Linie TOM's?

Muster: Als 2003 die Championstour begann, kam die Frage auf „Was soll ich tragen?“ Das Label TOM's hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits weltweit schützen lassen. Ich dachte mir, da mach ich mir einfach meine eigene Linie, bin nach Italien zu einem Produzenten gefahren und habe ihn gebeten, mir eine Kollektion zu designen.

Beim Turnier in Seiersberg habe ich dann 2003 im Kartenvorverkauf einen Stand mit Polos, Pollundern, T-Shirts, Stirnbändern und Hosen bestückt, die Nachfrage war sensationell. Meine Freundin Kathi Wenusch hat damals beim Design mitgeholfen, sie war ja auf der HTBLA für Mode- und Bekleidungstechnik in Graz .

 

box: Wie geht es mit dem Mode-Label TOM's in Zukunft weiter?

Muster: In der Zwischenzeit konnte ich die ganze Sache nicht mehr alleine bewältigen. Es hat sich also die Frage gestellt: aufhören oder weitermachen? Aus diesem Grund habe ich mir zwei Partner gesucht, einen für den Vetrieb und einen für die Produktion. Die Produktions-Lizenz habe ich verkauft, bin aber nach wie vor an der Kollektionsauswahl beteiligt. Es gibt jetzt auch eine Designerin und einen Einkaufschef. Und so kann die neue TOM's-Kollektion für 2005 demnächst auf der Österreichischen Sportartikelmesse in Salzburg präsentiert werden. Im Jahr 2005 beabsichtigen wir, zwischen 100 und 120 Shops mit einem Shop-in-Shop-System zu beliefern, es gibt aber eine Kapazität von 200 Shops, die zum Vetriebsnetz gehören. Der Vertrieb gehört übrigens jener Familie, die seit 30 Jahren auch die Marke Lacoste im Programm hat.

 

box: Was dürfen wir von der neuen Kollektion erwarten?

Muster: Es wird eine Winter- und eine Sommerkollektion mit jeweils drei Linien geben: Sportive Line, Active Line für Frauen, eine Classic Line und etwas für Kinder. Wir wollen klein beginnen und uns langsam am Markt etablieren.

 

box: Du bist ein recht vielbeschäftigter Mann. Wie teilt man sich da sein Zeitbudget ein?

Muster: Manchmal gibt es Zehn- oder Elf-Stunden-Tage. Beim Training für die Seniors Champions Tour ist ein vorgegebener Trainingsplan notwendig. Ein gewisser Nachholbedarf an Zeit ist da. Mein eigenes Zeitmanagement muss härter werden.

 

box: Für Hobbis bleibt da wohl nicht mehr viel Zeit?

Muster: Na ja, die Fliegerei habe ich ziemlich eingeschränkt, zum Golfen komm' ich vielleicht sechs bis sieben Mal pro Jahr. Meine Freundin weiss wie wenig Zeit ich habe. Ab Mitte Dezember bis Anfang Jänner geht's dafür entspannter zu, das ist die Zeit für Ruhe. In ein, zwei Jahren wird sich ja auch die Championstour minimieren und das Reisen weniger werden.

box: Wie wichtig sind dir Auszeichnungen wie der „Grosse Josef Krainer Preis“, den du im Vorjahr verliehen bekommen hast?

Muster: Medaillen sind schön, aber echte Unterstützung, wenn man sie dann braucht, ist mir wichtiger. Medaillen nützten mir nichts. Ich hänge sie auch nicht auf, auch meine Pokale sind irgendwo in Schachteln verpackt.

 

box: Trotzdem willst du nach wie vor Pokale gewinnen. Wie sieht dein täglicher Trainingsplan für die Champions Tour 2004 eigentlich aus?

Muster: Da ich im Moment in Graz wohne, fahre ich täglich nach Leibnitz, um hier zu laufen und im Fitness-Studio zu trainieren. Pro Woche sind das 5 bis 6 Laufeinheiten und 3 bis 4 Krafteinheiten jeweils am Vormittag, Tennis wird am Nachmittag gespielt. Mein Training dauert täglich von 10 bis 17 Uhr.

box: Du bist nicht nur sehr aktiv, sondern auch recht vermögend. Als Thomas Muster könntest du es dir ja leisten, gar nichts mehr zu tun und unter Palmen in der Sonne zu liegen. Was treibt dich weiterhin an, so aktiv zu sein?

Muster: Jeder träumt von der Insel, auf die er aussteigen kann. Ich habe es drei Jahre lang als Frühpensionist versucht. Das Aussteigen hat aber nichts mit der Realität zu tun. Es ist unrealistisch, Zeit mit Leuten verbringen zu wollen, die selbst eben nicht immer Urlaub haben. Irgendwann kommt man dahinter, dass auch auf der Insel der Alltag herrscht, so wie der Sonnenauf- und der Sonnenuntergang. Man kann sich zwar selbst mit den unterschiedlichsten Dingen beschäftigen, aber es fehlt einem die Bestätigung für sich selbst. Es geht also um Anerkennung, um Erfolg, um eine gesellschaftliche Position, um Verantwortung, die ein jeder zu tragen hat. Außerdem geht es darum, sein Wissen, das man erworben hat, auch an andere weiter zu geben.

 

box: Letzte Frage. Es existiert bereits eine Thomas Muster-Biographie. Wird es bei soviel Aktivität schon bald eine erweiterte Neuauflage geben?

Muster: Der Verlag ist leider Pleite gegangen. Und deshalb wird es auch keine Neuauflage geben. Außerdem gibt es zwei Bücher über mich. Die Bücher sind aber in einer Zeit erschienen, in der ich wenig Zeit für so etwas hatte. Heute würde ich mich vergraben und viel detaillierter und wesentlich interessanter darüber berichten, was in meinem Leben so vor sich ging. Aber noch ist es ja nicht zu spät, man braucht auch in der Zukunft noch die eine oder andere Aufgabe im Leben. Vielleicht sitze ich ja einmal am Hochkittenberg, schreibe an meiner neuen Biographie und widme mich dem Weinmachen. Für die Zukunft gibt es also noch genug zu tun.

 

box: Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und danken für das Gespräch.

FOTO: Robert Illemann

 

 

 

   

 

 

 


Web-Design und Web-Marketing by WebAgentur Koerbler