Surfin Girl
Jeder weiß, dass die Südsteiermark nicht gerade ein Eldorado für Windsurfer ist. Nur wenige aber wissen, dass die aktuelle Nummer vier der Weltrangliste im Freestyle-Windsurfen aus Arnfels kommt und Tanja Emig heißt.
Wie kommen Jamaikaner zum Skibob-Fahren, wie Holländer zum Bergsteigen und wie Südsteier(innen) zum Windsurfen? Die Antwort ist ganz einfach - sie müssen einfach dorthin, wo der Sport auch ernsthaft ausgeübt werden kann. Jamaikaner etwa in die Rocky Mountains, Holländer in die Alpen und Tanja Emig an den Gardasee, dem sommerlichen Zentrum der europäischen Windsurfer-Szene. Dort hat die sportliche Spätzünderin vor sieben Jahren mit dem Surfen begonnen, dort verbringt sie auch heuer wieder die Saison zwischen Mai und Oktober. Kein Wunder, dass bei den dort herrschenden Bedingungen das Freestyle-Surfen im Flachwasser zur Spezialdisziplin der mittlerweile 27-jährigen Weltenbummlerin wurde. Surfen kann man aber auch ganz gut am Meer, dem Lieblingsaufenthaltsort von Tanja und Nina, ihrem Cockerspaniel. Marokko, Venezuela, Südafrika, Fuerteventura zählen zu den Stationen, an denen der Single mit der surfertypischen Aussteigerphilosophie im Gepäck schon halt gemacht hat - manchmal nur für einen Wettbewerb, manchmal um vor Ort zu überwintern.
"Früher, als ich noch klein war, war ich immer traurig, wenn der Urlaub mit meiner Familie am Meer vorbei war. Ich dachte, wenn ich mal groß bin, dann möchte ich unbedingt am Meer wohnen. Als ich dann 17 war und mitten in der Friseurlehre stand, war da immer so ein Gedanke ans Meer, an das stresslose Leben dort. Natürlich wusste ich zu dieser Zeit noch nicht genau, was dort wirklich abgeht, denn im Urlaub ist ´s ja meistens stresslos," schildert Tanja Emig ihre frühe Sehnsucht nach einem Leben jenseits alltäglicher Konventionen. Sie hätte es sich nie vorstellen können, nach dem Lehrabschluss im Betrieb ihrer Eltern nahtlos in den Beruf zu wechseln und dort ihr ganzes Leben zu verbringen. Der Gedanke an nur fünf Wochen Urlaub im Jahr war ihr schon damals ein Gräuel. "Allerdings bin ich sehr froh, dass ich Haare schneiden kann, denn das hat mich schon öfter über Wasser gehalten.
Aber ich konnte es damals kaum erwarten, die Lehre endlich fertig zu machen. Ich wollte unbedingt weg und einfach nur rumhängen." Gesagt, getan. Nach einigen Wochen Kroatien war das Geld allerdings zu Ende. Und wieder ging's zurück nach Österreich. Jobs als Friseurin, in einer Gurkenfabrik und in der Kalenderindustrie folgten - immer nur mir dem Ziel, genug Geld zu machen, um wenigs-tens wieder einige Monate weg zu können. Dann der "große" Plan mit zwanzig Jahren: Eine Wintersaison im Gastgewerbe in Tirol, alles Geld sparen und den ganzen nächsten Sommer in Griechenland verbringen.
"In dieser Zeit kam mir die Idee, den folgenden Winter als Skilehrer zu arbeiten, Ende der Saison machte ich dann die Skilehrerprüfung und mein Job für den nächsten Winter in der Skischule Achenkirchen war gesichert."
Doch welcher Job wäre im Sommer ideal, fragte sich Tanja damals im Mai. Na klar, im Winter Skilehrer und im Sommer ... Surflehrer. Lebe deinen Traum! Nur wo kann man Surfen lernen? In Torbole am Gardasee. Der Tipp kam von einem alten Freund aus Arnfels, Kurt Pacher, selbst begeisterter Surfer und Snowboarder. "So war ich dann drei Monate am Gardasee eifrig am Surfen, damit ich das darauf folgende Jahr als Surflehrer arbeiten konnte. Und so kam es, dass ich drei Jahre lang im Winter Skilehrer und im Sommer Surflehrer war."
Irgendwann hatte sie dann keine Lust mehr auf den Skilehrerjob im Winter und flog für drei Monate nach Kapstadt, Südafrika. Dort war es Sommer und der Wind für Surfer exzellent. Die ersten Erfahrungen in der Welle folgten. Die Gier nach richtig gutem Surfen wurde im- mer größer. Den darauf folgenden Winter ging's als Surflehrerin nach Venezuela auf die Isla Margarita. Tanja wurde immer besser und fragte sich allmählich, weshalb sie eigentlich nicht an internationalen Wettbewerben teilnehmen solle. "Beim Freestyle-Weltcup am Neusiedlersee kam ich auf Anhieb auf den vierten Platz. Auf Fuerteventura schaffte ich den siebten und am Silvaplaner den zweiten Rang. In der Gesamtwertung im Freestyle-Weltcup rangiere ich im Moment am vierten Platz und bin damit auch beste Österreicherin in dieser Disziplin."
Leben kann man von diesen Erfolgen aber nicht. Die weibliche Surferszene in Europa ist klein und überschaubar. Da lohnen sich kaum kostenaufwendige Events. Sponsoren wie Camarro kommen allenfalls für das ohnedies schon teure Material auf, damit hat sich's aber. Und selbst bei den Männern sieht es nicht viel besser aus. Emig schätzt, dass in Europa nicht mehr als sechs Surfer von Preisgeldern und Sponsoringverträgen wirklich leben können.
"Für mich war es nie wichtig, welches tolle Auto und welche CD-Anlage ich besitze. Für mich ist es nicht wichtig, viel Geld zu haben, sondern dass man gut lebt. Klar stört es nicht, Geld zu haben, aber dafür nur zu arbeiten und auf´s Leben zu vergessen, kann nicht Sinn und Zweck sein. Jedenfalls nicht für mich."
Und so hat das laut Eigendefinition "ehemalige Partygirl" Emig auch den letzten Winter wieder am Meer, diesmal in Hurghada, Ägypten, verbracht und dabei viel Spaß gehabt. Zum Beispiel bei den - ja das gibt's - "Russischen Windsurfing-Meisterschaften"(!), die in diesem Winter genau dort ausgetragen wurden. Hinter einem Italiener wurde Emig vor 45 Russen Zweite. Tanja, die "Russischen Vize-Meisterin im Windsurfen", wird sicherlich weiterhin gutem Wind und tollen Wellen hinterher jagen.