Stradivari aus Leibnitz

 

(box-Ausgabe Frühling 2006)

 

Die italienische Stadt Cremona gilt als Wiege der Geigenbaukunst. Hier hat sich der Leibnitzer Edgar E. Russ seine Werkstätte eingerichtet.

Prof. Rainer Küchl ist einer der anerkanntesten Streicher der Welt. Wenn er den Bogen hebt und ihn über die Saiten seiner kleinen Bratsche zieht, entlockt er ihr volle, weiche Töne, die von einer makellosen Klangreinheit getragen werden. Das liegt nicht nur am virtuosen Können des ersten Konzertmeisters der Wiener Philharmoniker, es liegt auch an der hohen Qualität seines Instrumentes. Dieses stammt aus der Meisterwerkstätte von Edgar E. Russ. Der sympathische Geigenbauer aus Leibnitz gilt als einer der besten seines Fachs und hat sich in der italienischen Stadt Cremona niedergelassen. Sie gilt als Wiege höchster Geigenbaukunst und ist die Heimat der berühmtesten Geigerbauerfamilien wie Amati, Guaneri, Bergonzi und Stradivari.

„Die Violine ist seit etwa 300 Jahren eines der wichtigsten abendländischen Musikinstrumente", erzählt uns Edgar Russ. „Ein solches Instrument zu bauen ist eine äußerst spannende und vor allem extrem schöne Arbeit." Der berufliche Aufstieg des heute 40jährigen Geigenbauers begann nach dem Abbruch der Mittelschule in Leibnitz mit einer Tischlerlehre. Während dieser Zeit – Anfang der 80er Jahre – baute er bereits Gitarren. Dies war freilich nur ein Anfang. Nach der erfolgreichen Lehre zog es Edgar Russ nach Wien, um sich beruflich neu zu orientieren. Dort erfuhr er erstmals von der „Antonio-Stradivari-Geigenbauschule" in Cremona. Der Gedanke an diese weltweit anerkannte Institution ließ ihn nicht mehr los. 1984 schaffte er dort die schwere Aufnahmeprüfung. Bereits ab dem zweiten Schuljahr arbeitete Russ nach dem Unterricht täglich fünf bis zehn Stunden unentgeltlich in der Werkstatt seines damaligen Meisters Riccardo Bergonzi. „Bei ihm habe ich unglaublich viel gelernt und meine handwerklichen Fähigkeiten weiter entwickelt", so Edgar Russ.

„Die Violine ist ein Klangkörper von höchster akustischer Zweckmäßigkeit, scheinbar einfach und doch aus sehr vielen Teilen zusammengesetzt." Rund 500 Arbeitsgänge sind für die Fertigung einer Geige notwendig, die ein bis drei Monate, bei besonders guten Instrumenten auch weitaus länger dauern kann. Es werden dabei Handwerkstechniken genutzt, die bereits Jahrhunderte alt sind. „Erfahrung ist da das wichtigste." Die holte sich der gefragte Instrumentenbauer nach seiner Graduierung im Jahr 1989 auch in den USA. Ein Jahr lang besuchte er dort renommierte Werkstätten und arbeitete mit den besten Geigenbauern des Landes zusammen. Zurück in Cremona eröffnete Edgar E. Russ 1990 seine erste Geigenbauwerkstätte. Von 1995 bis 2004 gab es eine Kooperation mit einem Kollegen, heute leitet Edgar Russ wieder eigenständig eine Werkstätte mit fünf Mitarbeitern.

„In Cremona gibt es 110 steuerzahlende Werkstätten. Um mich hier durchzusetzen und mir in der Branche einen guten Namen zu machen, musste ich zehn Jahre lang täglich bis zu 15 Stunden hart arbeiten", so der Vater zweier Töchter. Das hat sich scheinbar bezahlt gemacht. Geigen, Bratschen oder Cellos made by Edgar E. Russ werden heute von den besten Musikern der Welt gespielt und erzielen am Markt Höchstpreise. Zusätzlich hat sich der Stradivari aus Leibnitz mit seinem Buch „Violine – Instrument, Geschichte, Bau" auch als Autor verewigt.

Henry Sams


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