Auf den Seychellen
Auf der Inselgruppe der Seychellen zwischen Afrika und Madagaskar pflegt man eine Kultur des Fremdenverkehrs abseits jeglichen Massentourismus.
Wenn man sich vom eigentlichen Inselgiganten Mahé absetzt und eine der reizenden Nachbarinseln des inneren Archipels aufsucht, hat man nie das Gefühl mit Massentourismus konfrontiert zu sein, eher wird der Eindruck erweckt, von der Stadt auf das Land gereist zu sein. Denn der Faktor Zeit scheint auf den Eilanden zwischen Afrika, Madagaskar und dem Nahen Osten nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Schon bei der Ankunft in La Passe, dem einzigen Hafen auf La Digue, bekommt man dies deutlich zu spüren, wenn an Stelle von Taxis Ochsenkarren und Fahrräder für den Transfer zum Hotel bereitstehen.
Gewöhnlich ist dann die Anse Source D’Argent das erste Anlaufziel auf dieser Insel, die auf Grund ihres ausgesprochenen Südseeflairs begeistert. Die lose oder in Gruppen daliegenden hellbraunen, zu fantasievollen Gebilden erodierten Granitblöcke, die in starkem Kontrast zum weißen Sand und dem türkisfarbenen Meer stehen, verleihen der Küste das Prädikat der Einmaligkeit. Nicht umsonst wurden in der Vergangenheit mehrere Filme wie etwa Emanuelle und diverse Werbespots in dieser bezaubernden Südwestecke von La Digue gedreht.
Am Rückweg sollte man sich Zeit nehmen für den Besuch der Kokosplantage L’Union Estate. Das Farmhaus, die Kopramühle sowie das weitläufige Gelände der Plantage selbst mit ihrem äußerst dichten Bestand an Kokospalmen lassen einem ein bisschen von der Atmosphäre der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erahnen, als das Kopra zu den wichtigsten Exportprodukten der Seychellen zählte. Mit der Eröffnung des internationalen Flughafens auf Mahé im Jahre 1971 und dem folgenden Zustrom der Touristen aus Westeuropa, Japan und Südafrika ging allerdings die Bedeutung landwirtschaftlicher Exportgüter enorm zurück.
Die Enstehung der Inseln steht im Einklang mit der Auflösung des Urkontinents Gondwanaland, als im Erdmittelalter Südamerika, Afrika und Asien einer gezielten eigenständigen Plattenbewegung ausgesetzt wurden. An den Nahtstellen zwischen dem heutigen Indien und der afrikanischen Ostküste verblieben zwei größere Granitblöcke (Sri Lanka und Madagaskar) und mehrere kleinere, aus denen die Seychellen hervorgegangen sind.
Eine völlig neue Hotelgeneration, die auf totale Harmonie mit der Umwelt setzt, zeichnet sich auf den zahlreichen „Nebeninseln“ bereits deutlich ab. Keines dieser ist höher ausgelegt als eine Kokosnusspalme, bietet aber dabei den letzten Schrei in der Ausstattung.Wer hier urlaubt, findet alles vor, was das Herz begehrt, von einfachen Gästehäusern bis zu luxuriösen Hotels ist alles vertreten, dabei sind diese so abwechslungsreich in ihrer Anlage und Ausstattung wie die Inseln selbst, so unterschiedlich wie deren Flora und so farbprächtig wie deren Unterwasserwelt. Durchwegs handelt es sich um Bungalow-Anlagen, deren Hütten und Zimmer entweder direkt am Strand oder jenseits der Küstenstraßen in grünen Gärten eingebettet liegen.Während viele der großen Hotels Entertainmentprogramme und Sportanimation anbieten und über kleinere Casinos verfügen, setzen die kleineren Hotels eher auf Bodenständigkeit, was besonders durch ihre kreolischen Speisen und traditionelle Musik zum Ausdruck gebracht wird. So kann beispielsweise die Cote d’Or an der Nordostseite Praslins als Zentrum eines ruhigen Edeltourismus angesehen werden. Nach der Rückverlegung der Küstenstraße in Richtung Landesinnere, entstand ein ruhiger Streifen entlang der strahlend weißen Bucht, an dem sich die angesehensten Hotels der Insel niedergelassen haben. Überall auf Praslin findet man traumhafte Sandstrände vor, die von Kokospalmen und anderen schattenspendenden tropischen Bäumen umsäumt sind und dadurch immer wieder Südseefreuden aufkommen lassen. Die relativ nahen Riffe ermöglichen problem-und gefahrloses Schnorcheln und sorgen für unvergessbare Eindrücke und Abenteuer. Als verstecktes Schnorchelparadies gilt die Anse La Blague, eine abgelegene Bucht im Osten Praslins. Bereits 50 Meter von der Küste entfernt beginnt ein ausgedehntes Korallenriff, das wie man vor Ort berichtet, an Vielfalt und Farbprächtigkeit kaum zu überbieten ist.
Das Vallee de Mai, ein abgelegenes Tal im Herzen Praslins, wird als die Heimat der Coco-de-Mer-Palme angesehen. Bis 1930 blieb dieses Tal im Gegensatz zum Rest der Insel ein vom Menschen fast unberührter Urwald. Erst in den 30er Jahren entschloss sich ein neuer Landbesitzer, das Tal durch Ruheplätze und einen botanischen Garten zu verschönern. Damit war die Einfuhr verschiedenster Zierpflanzen gekoppelt. Später wurde die Region als Teil des Wassereinzugsgebietes für Praslin von der Regierung erworben und 1966 zum Naturschutzgebiet erklärt. Nun erst begann man sich des ursprünglichen Reizes des Gebietes wieder zu besinnen und legte großen Wert darauf, einst eingeführte, exotische Pflanzen wiederum zu beseitigen.
Daraufhin wurde im Jahre 1983 der Coco-de-Mer-Palmenhain, der ca. 5000 Palmen dieser speziellen Gattung umfasst – Höhen bis zu 30 Meter und über ein weit ausladendes Kronendach zeichnen sie aus –, in die Liste der Naturdenkmäler der UNESCO aufgenommen und damit auch sein Weiterbestand weitgehend gesichert. Ihr dichter Stand und das häufige Ineinandergreifen der Palmkronen schirmen das Sonnenlicht derartig ab, dass ein mystisch, grünliches Licht über dem Trail zu liegen kommt und jene Geschichte, die die Prallinois, die Einwohner Praslins über die Coco-de-Mer-Palmen zu erzählen wissen, eine Bestärkung ihrer Glaubwürdigkeit erfährt. Ihr zufolge sollen in manchen mondlosen Nächten diese Bäume zu einem gespenstischen Leben erwachen und sogar intime Beziehungen miteinander eingehen. Angesichts des riesigen Phallus den der Kolben am männlichen Baum abgibt und des passenden Gegenstücks, das in der Doppelnuss am weiblichen Baum zum Ausdruck gebracht wird, fällt es vor Ort nicht sonderlich schwer, der Geschichte Glauben zu schenken.
Seit zwei Jahrhunderten sind die Seychellen zu einem Schmelztiegel verschiedenster Rassen, Bräuche und Religionen geworden. Die ethnische Verschmelzung (Franzosen, Briten, Kreolen) führte zu einem äußerst farbprächtigen dreisprachigen Kreolischen Staat. Die Menschen der Inseln sind unbeschwert und fröhlich; freundlich, aber eher zurückhaltend; hilfsbereit, aber nicht unbedingt auf die Arbeit versessen. In der Partnerschaft werden im Allgemeinen lockere Verbindungen bevorzugt, daher sind Verehelichungen selten. Obwohl sich der überwiegende Teil der Bevölkerung zur katholischen Kirche bekennt, sind über die Hälfte aller Kinder unehelich geboren.
Text & Fotos: Heimfried Mittendorfer
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