Schlaflos in Seattle

Eine Südsteirerin für einen ganzen Sommer lang in einer amerikanischen Großstadt wie Seattle. Kann das gut gehen? Mit einiger Nervosität im Bauch flog Fabienne Matzer im diesem Sommer in das 12.000 Kilometer entfernte Seattle - und in das Abenteuer ihres Lebens...

 

Langsamheben sich die letzten Nebelschleier über dem im Morgenlicht glitzernden Wasser der Elliott Bay und geben einen atemberaubenden Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Olympic Mountains frei. Ein kleines Schiff, das erst wenige Minuten zuvor den Hafen verließ, verschwindet in Richtung Kanada. Nur ein dem Meer abgewandter Blick über meine Schulter beweist, dass mir all diese Naturschönheit nicht in einem Nationalpark zuteil wird, sondern im Herzen einer amerikanischen Großstadt. Mächtig und streng ragen hinter mir die Wolkenkratzer von Seattle in den sonnig blauen Himmel. So präsentierte sich mir Seattle an meinem ersten Tag. Und so habe ich diese Westküsten-Schönheit in mein Herz geschlossen.

 

Beim Anblick der Skyline von Seattle scheint mir die Tatsache, dass diese Stadt erst vor ungefähr 150 Jahren gegründet wurde, unglaublich zu sein. Die frühen Siedler landeten am Alki Beach und errichteten mit Hilfe der dort lebenden Indianer ihre ersten Niederlassungen aus Holz. Heute zählt Alki Beach zu den berühmtesten Flaniermeilen der Stadt, wo makellos braungebrannte Körper sich in der Sonne aalen und der junge, urbane Trendsetter die Nachmittage beim Beachvolleyball spielen verbringt. "Sehen und gesehen werden" lautet hier das Motto.

 

Bei einem aufmerksamen Spaziergang durch Downtown Seattle wird mir sehr schnell bewusst, dass ich mich im äußersten Nordwesten der USA befinde, wo sich noch vor wenigen Jahrzehnten Indianer tummelten. Die indianische Vergangenheit der Stadt wird in allen Ecken und Winkeln durch die unzähligen, kunstvoll gestalteten Totem-Poles, im Karl-May-Jargon auch als Marterpfähle bezeichnet, spürbar. Sie sind Zeugen einer Zeit, als Indianer noch durch ein dicht bewaldetes Gebiet, heute das Herz einer Drei-Millionenstadt, streiften, um dort auf die Jagd zu gehen. Der Wald musste riesigen Einkaufshäusern weichen, in denen man heute bestenfalls auf Schnäppchenjagd geht. Die vielen toll gestalteten Auslagen der Innenstadt wecken auch in mir einen Jagdtrieb, den schon die Indianer des Duwamish Stammes verspürt haben mussten. Amerikaner wie Ralph Lauren, Donna Karen und Tommy Hilfinger sind schuld daran, dass ich mit einem Koffer in Seattle ankam, die Stadt aber mit zwei Koffer verließ.

 

Ausgerüstet mit einem Becher feinsten Starbucks-Coffee beschließe ich, meine Fetzenrallye zu beenden und einen Abstecher in das Seattle Art Museum zu machen, um mehr über die im Nordwesten lebenden Indianerstämme und den berühmten Häuptling Sealth, der der Stadt ihren Namen verlieh, zu erfahren. Ein Besuch im Seattle Art Museum stellt ein perfektes Unterfangen für Regentage dar. Apropos Seattle und Regentage: Seattle hat sich das absolut unverdiente Klischee eingeheimst, eine Stadt im ewigen Regen zu sein. Während der zwei Monate, die ich bei der Owen-Family verbringen durfte, hat es ganze zwei Mal geregnet. Mit 90 Millimeter Niederschlag, nicht mehr als etwa in New York, lässt sich dieses Klischee auch wissenschaftlich widerlegen. Und überhaupt: Hier in Seattle fließt nicht Wasser, sondern Kaffee. Seattle hat die ganze Nation nicht in einen neuerlichen Goldrausch, sondern vielmehr in einen Kaffeerausch versetzt. Nicht zuletzt füllt die Firma Starbucks mit ihren unzähligen Coffee-Shops die Strassen von Downtown Seattle mit einem herrlichen Duft.

 

Eigentlich ist die ganze Stadt eine einzige Mélange: modernste Urbanisation, perfekt mit der Natur in Einklang gebracht. Meines Erachtens nach liegt die Einzigartigkeit dieser Stadt in ihrer Geographie. Direkt am Meer gelegen, verfügt Seattle nicht nur über viele waldbedeckte Hügel, sondern auch über zwei wunderbare Seen. Selbst der majestätisch anmutende Gipfel des Mount Rainier ist an einem klaren Tag zum Greifen nah.

 

Vor einem Jahrzehnt noch machte man sich über die Entscheidung meiner Owen-Family, nach Seattle, in das hässliche Entlein der USA zu ziehen, lustig. Das hässliche Entlein Seattle mutierte plötzlich zur Nummer eins auf der Wohn-Wunschliste der US-Amerikaner und zum mächtigsten Wirtschaftszentrum der Staaten. Nicht ganz unschuldig an dieser positiven Verwandlung sind wohl Bill Gates und sein Freund Paul Allen, die in den 80ern das Software-Unternehmen Microsoft gründeten und heute, milliardenschwer, der Stadt treu geblieben sind.

 

Bill Gates wohnt direkt an den Ufern des Lake Washington in einem bescheidenen 150 Mio. Schilling Häuschen mit eigenem Privatstrand - versteht sich. Als hinterhältiger und neugieriger Tourist, der einem einmaligen Urlaubsfoto der Wahrung der Privatsphäre den Vorzug gibt, habe ich an einer Schiffsfahrt teilgenommen, um nicht nur am "Sleepless in Seattle - Hausboot" vorbeizuschippern, sondern auch, um dem guten Bill Gates vom Wasser aus direkt in sein Wohnzimmer zu blicken. Von so viel Luxus und Reichtum beeindruckt, verlässt man in nachdenklicher, beinahe depressiver Stimmung das Schiff und fragt sich, warum man nicht selbst zum Microsoft-Mitarbeiter wurde. Der außerordentliche wirtschaftliche Erfolg der Stadt kann als moderne Neuinszenierung des Klondike-Gold-Rush von 1897 verstanden werden, der schon damals Seattle in eine goldene Stadt verwandelte.

 

Als ich von der Space Needle auf Wolkenkratzer, das umliegende Land und die Elliott Bay blicke, beglückwünsche ich die Stadtväter von 1962, die mit der Space Needle kein besseres Wahrzeichen wählen hätten können. Atemberaubende 180 Meter ragt dieses faszinierende Bauwerk schnurgerade in die Höhe und gibt die Richtung an - hier in Seattle geht es himmelwärts. Kein Ende in Sicht.

 

Schnell merke ich, dass nicht nur der Gipfel des Mount Rainier das Stadtbild von Seattle beherrscht, sondern auch unzählige Firmenschilder diverser Fast-Food-Restaurants. Um den kulinarischen Genüssen à la McDonalds kurz zu entgehen, beschließe ich einen Abstecher zum Pike Place Market zu machen. Nur wenige Schritte vom Stadtzentrum entfernt erstrecken sich riesige Markthallen, in denen Köstlichkeiten aus aller Welt lauthals angepriesen werden. Beim Flanieren durch das Labyrinth an Verkaufsständen lasse ich mich von meiner Nase leiten und finde mich in einer französischen Bäckerei wieder. Drei Croissants später geht's weiter vorbei an Verkaufsständen, auf denen sich Krabben, Garnelen, Austern und Hummer profilieren. "Vorsicht! Tief fliegender Fisch!", schreit ein Verkäufer und schon saust mir ein Lachs um die Ohren, der auf höchst seltsame Weise den Verkaufstisch wechselt.

 

Bald habe ich vom quirligen Treiben des Pike Place Market's genug und beschließe, vom Hafen aus die nächste Fähre nach Bainbrigde Island zu nehmen. Mit dem Kauf eines Fährtickets tue ich es hunderten von Bewohnern Seattle's gleich, die jeden Tag zwischen den vorgelagerten Inseln und der Downtown hin- und her pendeln. Eine Fahrt für nur einen Dollar ins Paradies. Einmal nicht Tourist sein und die beeindruckende Landschaft aus Wolkenkratzern vom Meer aus betrachten. Die Space Needle ragt in den strahlend blauen Sommerhimmel, nicht ein Wölkchen, das sie mit ihrer Spitze stechen könnte und der allgegenwärtige Mount Rainier, der Seattle unbeeindruckt vom Osten aus beobachtet. Was für eine Stadt!

 

Nach nur wenigen Stunden in Seattle kann ich Tom Hanks, der hier in einem seiner weltweiten Kinohits einfach nicht einschlafen konnte, nur allzu gut verstehen...

 

 

   

 

 

 

 


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