Sabine Tassold
Das Wort zum Stau
Annähernd drei Millionen Ö3-Hörer gehorchen ihr aufs Wort: wenn Sabine Tassold aus Lebring die Verkehrsnachrichten moderiert, folgen ganze Wagenkarawanen der von ihr vorgegebenen Richtung.
Eigentlich wollte Sabine Tassold Sängerin werden. Dass ihre Stimme eher im Stau stehenden Autofahrern ein Begriff ist als Opernfreunden, ist einer Reihe von Zufällen zu verdanken, die sie von ihrem Geburtsort Lebring über den „Steirischen Herbst“ in Graz letztlich zu Ö3 nach Wien geführt haben. Gut drei Millionen Hörer erreicht Sabine Tassold, wenn sie im Halbstunden-Takt mit den aktuellen Stau- und Verkehrsmeldungen auf Sendung geht. „Das ist eine große Verantwortung, weil sich die Autofahrer stark an unseren Nachrichten orientieren“, weiß die 35-jährige Moderatorin. „Das geht so weit, dass wir den Verkehrsfluss sogar lenken können.“ Etwa 15.000 Ö-Driver, die per Handy von unterwegs berichten, in welchem Stau sie gerade stecken, unterstützen das Team dabei.
Mit einem Mega-Stau begann im Jahr 2000 auch Sabine Tassolds Karriere bei Ö3. Als sich auf der Wiener Tangente am späten Vormittag ein Lamellenbruch ereignete, stand die Hauptstadt still als hätte der ÖGB zum Streik gebeten. Das Chaos regierte – und Sabine musste aus dem Stand heraus die Verkehrsnachrichten im Mittagsjournal einmoderieren. Das war der Augenblick, in dem ihr bewusst wurde, dass ihre Stimme nicht von einem kleinen Lokalsender ausgestrahlt wird sondern vom beliebtesten ORF-Channel des Landes. „Wow“, dachte sie. „In der Steiermark hast das Mittagsjournal immer nur im Radio gehört – und jetzt sitzt auf einmal selbst vor dem Mikrophon und sprichst zu ein paar Millionen Menschen. Wahnsinn.“
Der „Wahnsinn“ begann 1995 bei Radio Maribor International (RMI) in Slowenien: dort moderierte Sabine Tassold die unterschiedlichsten Beiträge, von Studiosendungen bis hin zu Live-Einstiegen. Im Sommer ´96 folgte sie dem Ruf von Antenne Steiermark, wo sie fast vier Jahre lang „alles machte: Moderation, Service, Telefondienst.“ Anfang 2000 bewarb sie sich bei Ö3: „Das neue Konzept gefiel mir und ich wollte von Anfang an dabei sein“, erinnert sich Sabine. „Trotzdem habe ich es lange Zeit nicht in Betracht gezogen.“ Ö3, das ist so eine Art Loft mit Zwischenwänden. Auch wenn das Chaos ausbricht, wirkt es im mittlerweile über ein halbes Jahrzehnt alten „neuen“ Domizil an der Heiligenstädter Lände viel aufgeräumter als im Funkhaus in der Argentinierstraße. Das dortige Ambiente passt ohnehin besser zu Ö1 und Ö-Regional.
Auf den ersten Blick macht die Ö3-Schaltzentrale, die gerade mal zwei Stockwerke in einem gewöhnlichen Business-Bau belegt, einen ruhigen Eindruck. „Ö3 ist der mit Abstand professionellste Sender in Österreich“, meint Sabine. „Bei uns geht keine Nachricht ungecheckt über den Äther.“ Das ist es auch, was Sabine Tassold an der Arbeit bei Ö3 so gefällt: „Ich bin gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und an mir zu arbeiten. Wenn man verspannt am Mikrophon sitzt, bekommen die Zuhöhrer das mit.“ Sie mag den Job, auch wenn er manchmal recht stressig ist: „Wir haben ein sehr angenehmes Arbeitsklima, das erleichtert vieles.“ Auch den Aufenthalt in der Großstadt, denn eigentlich ist die Moderatorin, die sich „täglich das Rauchen abgewöhnt“, ein „totaler Landmensch. Es ist schon ein Kuriosum, dass ich in Wien lebe.“ Die Stadt ist sicher keine Dauerlösung für die Pferdeliebhaberin. Deshalb will sie „langfristig gesehen“ auch nicht in der Stadt bleiben – obwohl sie im Moment ganz zufrieden ist. „Ich bin sehr heimatverbunden und schätze die Lebensqualität am Bauernhof zu Hause. Aber ich will nichts vorausplanen.“
Steirer sind für Sabine Tassold „irgendwie ganz besondere Menschen – sie haben alle eine sehr ausgeprägte Heimatverbundenheit. Eine bodenständige Art – viel bodenständiger und zugleich feinfühliger als beispielsweise die Kärntner. Steirer haben eine besondere Wärme.“
Da schwingt viel Ehrlichkeit mit – Sabine Tassold ist kein abgebrühter „Radiomacher“, der mit der Abgeklärtheit von zwanzig Jahren Feature-Redaktion auf das Publikum herabschaut, sondern ein Mensch, der die Faszination des Mediums auslebt – und der im Radio auch eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung gefunden hat. „Am besten kommt man rüber, wenn man es schafft, authentisch zu sein”, sagt Sabine. „Der tägliche Druck, einhundert Prozent Leistung zu erbringen, kann einem dabei helfen, sich persönlich weiterzuentwickeln. Das ist das Wichtigste: dass man sich auf Dinge einlässt, die man vorher noch nie gemacht hat.“
Text & Foto: Chris Haderer
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