Rom
„Sono pazzi questi romani – Die spinnen die Römer.“ Eine Liebeserklärung der Leibnitzerin Nadja Bernhard an eine chaotische Stadt.
Der Weg ins Büro führt mich täglich direkt in den Stillstand eines Staus. Mit meinem „Motorino“ stecke ich in einer kilometerlangen Verkehrskolonne fest, die sich hupend und stinkend durch den Stadtkern wälzt. Rom ist die EU-Hauptstadt mit dem ältesten öffentlichen Verkehrssystem, und dieser Missstand wird von ihren Bewohnern täglich mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert aufgezeigt. Gegen 10 Uhr löst sich der Verkehrsknoten langsam auf, und man sucht seine Lieblingsbar auf, um sein Gemüt mit einem Capuccino zu besänftigen. Doch die Eintracht ist meist nur von kurzer Dauer: In den Bars der Ewigen Stadt werden lautstark Tagespolitik und Fußballergebnisse kommentiert. Diese hitzigen Dispute beobachte ich gerne im „Café Sant Eustacchio“ (Piazza Sant Eustacchio) oder im „Tazza D’Oro“ (Via Orfani, direkt beim Pantheon). Im Stehen bekommt man in diesen beiden Traditionslokalen den süßesten, dunkelsten und wohl auch besten Kaffee der Stadt serviert.
Seit zwei Jahren lebe ich in Rom, aber an das Chaos habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Anders als Metropolen wie Paris oder London ist Rom ein riesiges Dorf geblieben, in dem Weltansprüche und Provinzialität in einmaliger Weise vermischt werden. Auf den Strassen herrscht wirres Chaos – es wird gehupt, demonstriert, gepfiffen und geschrieen. Das Verhältnis der Römer zum Lärm ist ein eigenartiges. Manche meinen, dass ein gewisser Infantilismus dahintersteckt. Römer brauchen den Lärm, um sich selber Mut zu machen, ähnlich wie Kinder die singen, wenn sie alleine sind. Als ich meinen römischen Bekannten Pino auf die akustische Unsensibilität seiner Landsleute einmal ansprach, schüttelte er nur lachend den Kopf und meinte: „Sono pazzi questi romani“ – Sie sind einfach verrückt, die Römer, da ist nichts zu machen.
Doch durch das Chaos der Stadt bewegen sich die Römer mit stoischer Ruhe. Wenn ich sie beim Flanieren durchs Centro beobachte, habe ich oft das Gefühl, ihnen ist die Tönung ihrer Sonnenbrille wichtiger, als die Anarchie, die sie umgibt. Aber es ist gerade die Leichtigkeit, Kreativität und Improvisationsfreude der Römer, die den Reiz ihrer Stadt ausmacht. Viel dieser süditalienischen Lebensfreude lässt sich in den zahlreichen Esslokalen der Stadt erleben. „A tavola non si invecchia – Um einen gedeckten Tisch altert man nicht“, heißt ein altes römisches Sprichwort, das heute noch gültig ist, trotz der Theorie der gesundheitsschädlichen Fettleibigkeit, von der man in Rom aber nicht viel hält. Als kulinarischen Einstieg empfehle ich „Er Galletto“ an der Piazza Farnese. „Ciao Bionda!“ ruft mir Hausherr Giovanni schon von weitem entgegen.
Jeder Gast wird von ihm persönlich salutiert, bei weiblicher Kundschaft fällt die Begrüßung noch herzlicher aus. Wenn ich mit Freundinnen bei Giovanni einkehre, ist Feststimmung im Restaurant – Ausländerinnen genießen eine Sonderstellung in der Stadt am Tiber. „Er Galletto“ serviert authentische römische Küche, wie beispielsweise „Carciofi romani“, gebratene Artischocken mit reichlich Olivenöl, oder Pasta Amatriciana, hausgemachte Nudeln mit einer scharfen Tomatensauce. In der „Antica Trattoria Romana“ (Via Avila) heißt Küchenchef Giuseppe alle Gäste mit einem Glas Prosecco willkommen. Kaum Platz genommen, steht schon ein prächtiger Teller Pasta vor mir. Hier gibt es keine Menükarte; was auf den Tisch kommt, bestimmt der dicke Giuseppe. In der „Fiaschetteria Beltrame“ (Via della Croce 39) isst man in einem einzigen Raum dicht aneinandergedrängt. Jahrelang war die Fiaschetteria Treffpunkt der intellighenzia romana, der römischen Intellektuellen. Heute wird das unter Denkmal stehende Lokal aufgrund der naheliegenden Spanischen Treppe vor allem von Touristen frequentiert.
Nach dem Abendessen flanieren die Römer meist noch durch die Stadt. Diese „passeggiata“ gilt weniger der Bewegung als dem Gesehenwerden. Die Römer suchen die Menge, und daher verwandelt sich das römische Zentrum allabendlich zum längsten Laufsteg der Welt. Meist gönnt man sich dabei ein Eis, beispielsweise bei „Giolitti“ (Via degli Uffici del Vicario 7). Mein Favorit ist „Da Quinto“ (Via di Tormillina 15). Oft stelle ich mir die Frage was mich an Rom fasziniert. Ich ärgere mich täglich über unzählige Dinge, die nicht funktionieren, über Zeit- und Geldverschwendung. Ich ärgere mich über jene Römer, die mich wüst beschimpfen, wenn ich an einer gelben Ampel halte. Ich ärgere mich über die Luftverschmutzung und über die Ignoranz, mit der das bis zu 2.500 Jahre alte Kulturerbe behandelt wird. Aber Rom ist vital. Wenn ich abends auf meinem Motorino nachhause fahre, führt mich der Heimweg vorbei am Pantheon, der Engelsburg und der Peterskirche. Der Anblick versöhnt. „Roma, sei bellissima!“
Hoteltipps
Albergo Del Sole, Via del Biscione 76, DZ um EUR 90,- einfacher Familienbetrieb im Herzen der Stadt mit hauseigener Parkgarage (Mangelware in Rom!)
Hotel Mozart, Via die Greci 23, DZ um EUR 200,-; elegantes 3-Sterne-Hotel in der Nähe der Spanischen Treppe.
Bars
The Brothers, Via delle Fornaci, sizilianischer Familienbetrieb (alles Brüder) mit großer Auswahl an köstlichen Panini. Nach einem anstrengenden Vatikanbesuch kann man bei den Brüdern Donato, Nello, Antonio und Armando zu neuen Kräften kommen.
Il Piccolo, Via del Governo Vecchio 74, gemütliche Weinbar hinter der Piazza Navona. Entgegen dem Namen bietet das Lokal eine große Auswahl an ausgezeichneten Weinen. Zu Mittag auch kleine Gerichte.
Vineria Reggio, Campo dei Fiori 15, stets überlaufene Weinbar am hektischsten Platz Roms, dem Campo dei Fiori.
Für Nachtschwärmer
Testaccio, ehemaliges Schlacht-hofgelände, heute das Ausgehviertel der Ewigen Stadt. An den nebeneinander gereihten Lokalen von Testaccio kommt jeder auf seinen Geschmack.
Gilda, Via Mario de’Fiori 97, in dieser legendären Disco hält man Ausschau nach italienischen VIPs.
Text: Nadja Bernhard