Reise mit der Transsibirischen

Im Zug gegen Osten

„Man kann Russland nicht verstehen, man muss es mit dem Herzen sehen“, sagte schon der russische Dichter Fjodor Tjuttschew im 19. Jahrhundert. Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn durch das größte Land der Erde bestätigt – fast - diese Weisheit..

 

Moskauer Jaroslawl-Bahnhof, halb zwölf Uhr Nacht. Der Bahnsteig ist von Schaulustigen belagert, Aufregung macht sich breit: Wurde wieder einmal eine Tschetschenen-Bombe gelegt? Oder gar ein anliegendes Theater gestürmt? Nein - der „Baikal“-Express fährt in Richtung Peking ab. Die Marschroute: Moskau-Sibirien-Mongolei-China. Eine Routine-Fahrt für unsere „prowodnitsa“ Ludmilla, die Waggon-Führerin: „Ach, schon wieder geht die Arbeit los!“, gibt sie murrend von sich. Ein Mega-Event hingegen für Hunderte von Rucksacktouristen aus aller Welt. Eine achttägige Zugfahrt ins Ungewisse, eine Odyssee durch fünf Zeitzonen (wenn es in Moskau Mitternacht ist, ist es in Peking fünf Uhr morgens), ein Schienenritt über 7500 Kilometer und durch zwei Erdteile kann beginnen.

 

Im letzten Jahr feierte die „Transsib“ – wie die Transsibirische Eisenbahn weitläufig genannt wird - ihr hundertjähriges Jubiläum. Die Bauarbeiten für die längste Eisenbahn der Welt hatten bereits im 19. Jahrhundert begonnen, um den Handel zwischen dem Russischen Zarenreich und dem Orient zu forcieren. Das Besondere an diesem Bau ist, dass diese Schienenstrecke durch reine menschliche Arbeitskraft unter schwierigsten geologischen wie meteorologischen Bedingungen errichtet wurde, was tausenden an Arbeitern das Leben kostete. Der russische Diktator Josip Stalin schickte Regimegegner nach Sibirien, um sie als Zwangsarbeiter für den Ausbau und die Modernisierung der weltweit längsten Eisenbahnstrecke zu missbrauchen.

 

Die einzelnen Sechser-Abteile sind voll ausgelastet. Zusammengepfercht wie die Ölsardinen stürzen sich die Abenteuerhungrigen in den Orient. „Irgendwie komme ich mir hier vor wie in Big Brother“, stellt der reiseerfahrene Abteilsnachbar Sandy aus New York fest und meint damit das amerikanische Pendant zu „Taxi Orange“. „Du wirst mit einem bunten Haufen von Leuten zusammengeworfen, weißt am Anfang nicht, mit wem du es zu tun hast, weißt auch nicht, wo du jemals enden wirst und musst versuchen, auf engstem Raum für eine Woche mit diesen wildfremden Reisekumpanen dein Dasein zu fristen. Und wenn du dich blöd benimmst, riskierst du, hinausgeworfen zu werden...“ Was auf einem Schienenritt durch die sibirische Einöde fatale Folgen haben könnte.

 

Was einen auf dieser Mega-Zugreise erwartet, wissen freilich nur die wenigsten. Ist auch nicht so wichtig. Zunächst heißt es einmal seine Reisekumpanen kennen zu lernen, mit den Tücken eines russischen Zuges vertraut zu werden („Wie kriege ich den Wasserhahn auf?“, „Wie setze ich die WC-Spülung in Betrieb?“, „Wo kann ich mir das Frühstück kochen?“) vertraut zu werden und mit der prowodnitsa zu turteln. Sie kann auf diesem Abenteuer auf Schienen und vorbei an Steppe, Urwald und Gulag entscheidenden Einfluss auf das eigene Wohlbefinden haben. Zum Beispiel, wenn man ob mangelnder Kochmöglichkeiten auf das sibirische Fast Food alter Babuschkas – Großmütter – angewiesen ist, die ihre Spezialitäten während der raren Zwischenstopps auf den Bahnhöfen feilbieten. Besser ist es da schon, am frischgebrühten Borschtsch (rote Rübensuppe) der Waggon-Führerin mitzuschmarotzen. Oder wenn man Vortritt in der Dusche haben möchte, was bei rund 60 Leuten in einem Waggon ein nicht zu ignorierender hygienischer Vorteil sein kann...

 

Nur die wenigsten interessiert während dieses Abenteuers auf Schienen die vorbeisausende Landschaft. „Wälder, Wiesen und Heuhaufen, das habe ich zuhause auch“, gibt sich der Schweizer Christoph nicht unbedingt angetan vom innerrussischen Ambiente. Warum er dann eigentlich im Baikal-Express sitze, frage ich ein wenig verdutzt. „Um Leute kennen zu lernen, mit ihnen Erfahrungen auszutauschen und fest zu feiern. Eventuell reiße ich mir auch eine exotische Chinesin oder Russin auf.“ Aha. Über Reiseziele lässt sich eben streiten.

 

Auf alle Fälle: Eine Woche nur im Zug – da braucht man ein zähes Sitzleder, da braucht man viel Lesestoff und Wodka, da muss man die Kunst des Zeitvertreibens beherrschen. Wieviele neue Freundschaften, Liebesabenteuer oder Hangovers hat der „Baikal“ denn nicht schon miterlebt? Wieviele Betten sind durch allzu emotionelle Wippbewegungen denn nicht schon auf ihre Widerstandsfähigkeit geprüft worden?

 

Die hübsche Nicoletta, italienischer Abstammung und in der Schweiz beheimatet, umkreist gerade den Erdball. Der Ritt mit der Transsib ist für sie ein abwechslungsreiches Sommer-Intermezzo auf ihrer einjährigen „Tour de monde“. Soeben kam sie von einer Mittelmeer-Segeltour zurück. Stolz präsentiert sie ihre Erinnerungsfotos. Besonders eines, wo ihr athletischer boyfriend abgebildet ist, den sie knapp zuvor beim „Einschiffen“ an der San Francisco Bay kennengelernt hatte. „Auf solchen exotischen Reisen lernt man die interessantesten Männer kennen“, zieht sie zufrieden Resümee. Ob der Sunny Boy aus Kalifornien auch nach dem Sommer ihr Angebeteter war, durfte angesichts zahlreicher nächtlicher Männerbesuche in Nicolettas Abteil bezweifelt werden.

 

So ein Schienenritt durch zwei Kontinente kann jedoch auch zur reinen mobilen Party werden. Die ideale Bühne hierfür ist der Speisewagen: „Die größten Umsätze mit Bier und Wodka mache ich im Sommer, wenn Abenteurer aus der ganzen Welt mit der Transsib reisen“, gibt sich Zugrestaurant-Chef Ilija zufrieden. Auch wenn schon einige Male Tische oder Bänke in Brüche gegangen sind, weil lebenslustige Europäer oder Amerikaner der Schwerkraft nicht mehr standhalten konnten – was tut es schon zur Sache, wenn der Rubel in dieser Zeit zehnmal schneller als üblich rollt.

 

Am fünften Tag erreicht man dann doch das erste Ziel: den Baikal-See, das tiefste Süßwasser-Gewässer der Erde. Mindestens zwei Tage sollte man dort verbringen, um in der zauberhaften Natur mit der Seele zu baumeln oder um sich im anliegenden Freilicht-Museum die burjatische Kultur zu Gemüte zu führen. Der Baikal als Erholungsort, aber auch als Scheideweg für viele wie mich, die in Richtung Mongolei und China weiterreisen und andere, die den Fernen Osten Russlands, sprich Wladiwostok, ansteuern. Der Abschied tut weh, fünf Tage hat man gemeinsam im Schienen-„Taxi Orange“ verbracht, hat geplaudert, getrunken und gesext. Schnell werden noch Adressen ausgetauscht, Hände geschüttelt, Abschiedsküsschen verteilt. „Auf ein baldiges Wiedersehen, Freunde!“ - auf irgendeinem anderen Stück der Erde...

 

Eine Bilanz - in Anlehnung an Tjuttschew: Man soll Russland nicht von außen sehen, man soll es aus dem Zug erleben.

Alexander Grasmuck, der Autor dieses Reiseberichts, ist offiziell akkreditierter Korrespondent der österreichischen Presseagentur „apa“ in Moskau.

 


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