Pedra Badejo auf den Kapverden
Seit dem Jahr 1983 verbindet ein Städtefreundschaft Leibnitz und die Stadt Pedra Badejo auf den Kapverden. Georg Meixner, Geschäftsführer des Vereins in Leibnitz, berichtet von seinem letzten Besuch in diesem Frühjahr.
Wieder einmal auf der Insel Sal gelandet. Für mich ist das schon fast Routine. Seit 1983 besteht bereits die Städtefreundschaft Pedra Badejo - Leibnitz und 1987 flog ich das erste Mal auf die Kapverdischen Inseln in die Partnerstadt Pedra Badejo. Aber was hat sich in diesen Jahren alles geändert? Bei der Ankunft auf Sal erfahre ich, dass der Anschlussflug auf die Insel Santiago in die Hauptstadt Praia zwei Stunden Verspätung hat, wie bereits oftmals. Aber seit ein paar Jahren wird das Gepäck schon von Graz durchgecheckt, das Flughafenpersonal spricht Englisch und nicht nur Portugiesisch, die nicht konvertible Landeswährung Kapverdischer Escudo kann bereits am Automaten gewechselt werden.
Man steht nicht mehr vor der geschlossenen Bankfiliale und spart sich Wartezeiten. Ein jugendlicher Kapverdianer steht beim Geldwechselautomat und bietet an, die Maschine zu bedienen. Die Touristenschlange ist skeptisch, versucht es selbst mit mäßigem Erfolg und großem Zeitaufwand. Ich händige dem Kapverdianer 3000,- ATS aus und blitzschnell sind die 24.030,- CVE da. Das Kleingeld, 30 Escudos, gebe ich ihm als Trinkgeld. Jetzt beginnt sein Geschäft zu laufen, die folgenden Touristen haben Vertrauen und der Kapverdianer verständigt sich auf Englisch oder Französisch. In Praia angekommen fahre ich mit dem Mietwagen eine dreiviertel Stunde nach Pedra Badejo. In den vergangenen Jahren hat es ein bisschen mehr geregnet in der Regenzeit, August und September, und so sind jetzt im April die Sträucher noch grün. Die Kopfsteinpflasterstrasse befindet sich seit Jahren in ähnlichem Zustand, alle paar Kilometer werden Ausbesserungsarbeiten vorgenommen.
In Pedra Badejo wartet schon Lolo die Haushälterin mit ihren Kindern. Sie berichtet gleich in der offenen, freundlichen kapverdischen Art was es alles Neues gibt. Ihr Sohn aus Amerika hat geschrieben und sogar Geld mitgeschickt und vielleicht kann ihre Tochter Ana nach Amerika arbeiten gehen, da sie schon 22 Jahre alt ist und noch keine Arbeit gefunden hat. Kap Verde hat ungefähr 400.000 Einwohner, aber 800.000 Kapverdianer leben in der Emigration in den USA, Portugal, Brasilien, den Niederlanden usw. Viele haben Heimweh und wollen ihren Lebensabend wieder auf Kap Verde verbringen. Seit der Demokratisierung 1991und freien Wahlen auf Kap Verde investieren viele Emigranten in den Hausbau. Es herrscht ein regelrechter Bauboom, der die Kommunalverwaltungen vor große Probleme stellt; Stadtentwicklungsplanung, Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung, Elektrifizierung, Müllentsorgung u.v.m. In der Bevölkerungsstatistik ist ein richtiger Knick bei Männern zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren zu erkennen, denn viele gehen in die Emigration, hinterlassen eine Frau mit mehreren Kindern und gründen dann im Ausland neue Familien.
Danilo, ein weiterer Sohn von Lolo, kommt einen Kübel Wasser holen. Er ist 25 Jahre und wäscht gelegentlich Autos am Marktplatz oder hilft bei Bauarbeiten aus. Zezito darf sogar das Gymnasium in Pedra Badejo besuchen. Anderson und Stefano besuchen die Grundschule. In Kap Verde wurde die Schulpflicht 1995 auf 6 Jahre erhöht und die Einschulungsquote liegt mit 98% sehr hoch für afrikanische Verhältnisse. Das tägliche Schulessen trägt dazu bei, aber es ist den Kapverdianern auch klar, dass sie mit Bildung ihren Weg machen können. Kap Verde hat ja sonst kaum Ressourcen außer geringfügiger Fisch-, Bananen-, und Salzexporte. Viele Kapverdianer arbeiten beim Fischfang und Verkauf sowie in der Landwirtschaft, die durch die gebirgige Landesstruktur großteils manuell funktioniert. Abhängig von den minimalen Regenfällen kann nur etwa zehn Prozent der notwendigen Nahrung selbst produziert werden. Alles andere wird importiert und vom Welternährungsprogramm unterstützt.
Am nächsten Tag beginnt mein Arbeitsprogramm. Im Rahmen des Integrierten Grundbildungsprojektes Santiago des Vereins Städtefreundschaft Pedra Badejo - Leibnitz besuche ich in jedem der sechs Bezirke Santiagos unsere Pilotschule, welche sich jeweils in einer benachteiligten Region befindet. Aufgabe ist es mit Unterstützung der Eltern und der Gemeindeverwaltung die Schulen zu renovieren und die Zusammenarbeit der Schule mit der Öffentlichkeit zu verbessern. Das Schöne an dieser Arbeit ist die Begegnung mit vielen Menschen, die offen, fröhlich und direkt sind, über Probleme diskutieren und trotz der schlechten Rahmenbedingungen engagiert arbeiten und sparsamst mit den vorhandenen Mitteln umgehen. Die Woche geht rasch vorbei.
In einem Abschlussgespräch mit dem neuen Bürgermeister von Pedra Badejo werden Vorstellungen über neue Projekte diskutiert und konkretisiert. Der Verein Städtefreundschaft Pedra Badejo - Leibnitz wird in den kommenden Jahren wieder ein Projekt direkt für Pedra Badejo durchführen. Bei der Abreise kommen Kinder gelaufen und rufen "money, money". Der Tourismus hat auch vor Kap Verde nicht halt gemacht. Sal und Boavista sind die Touristeninseln und bringen Devisen. Vor einigen Jahren noch riefen die Kinder "cooperanti, cooperanti -Entwicklungshelfer", denn sie kannten keine Touristen. Am Flughafen angekommen, wird mir gleich der Koffer aus der Hand gerissen und zum Einchecken gebracht. Mehrere Jugendliche duellieren sich hier um's Trinkgeld. Im Flughafenimbiss überlässt dann ein Tourist sein Essen den Jugendlichen und die verzehren es begierig und gemeinsam. Ich verlasse Kap Verde, bleibe aber auf dieser einen Welt, und weiß, dass noch viel zu tun ist, um die Auswirkungen der Globalisierung positiv zu beeinflussen.