New York danach

Die Anschläge auf New York. Anlässlich der unfassbaren Ereignisse am 11. September 2001 baten wir Heidi Christian - eine Gamlitzerin, die seit sieben Jahren im Big Apple lebt - direkt danach um einen Bericht.

 

Vor sieben Jahren kam ich bei Recherchen für meine Diplomarbeit nach New York. Diese pulsierende Metropole faszinierte mich wie auch schon viele vor mir so sehr, dass ich alles daransetzte, bleiben zu können. Ich beschloss, mit einem Postgraduate Studium am Pratt-Institute zu beginnen und machte dort nach zwei Jahren noch einen Magister, bekam den Masters of Science in Communications Art and Design. Dies ermöglichte mir, für Taylor & Ives, eine renommierte Graphik Design-Agentur, vier Jahre lang zu arbeiten. 2001 wechselte ich zu einer österreichischen Firma und machte mich gleichzeitig auch noch selbstständig. Und obwohl es mir manchmal so vorkommt, als wäre ich erst vor kurzem hierher gekommen, stieß ich am 5. September 2001 mit einem Glas Wein auf mein siebenjähriges N.Y.-Jubiläum an. Als am 11. September dann die zwei Passagierflugzeuge in das World Trade Center crashten und diese zum Einsturz brachten, war ich zum Glück gerade nicht in der Stadt. Aber als ich davon erfuhr, wollte ich nichts als zurück.

 

Ich wollte helfen. Das Desaster hat uns alle zusammengeschweißt, jeder passt auf jeden auf. Und trotzdem: die Stadt, ein Traumhafen für viele Emigranten und Schmelztiegel so vieler Nationen, wurde ein wenig rassistischer. Vorübergehend. Hoffentlich. Man kommt sich ein bisschen vor wie im Biedermeier, wo man eher zu Hause blieb und allzu große Menschenansammlungen mied. New York, ,,the city that never sleeps'', hat sich sehr verändert. Es wurde ruhiger und abgesehen von den Rettungsmaßnahmen, die 24 Stunden am Tag auf Hochtouren laufen, ist die Stadt fast tot. Die meisten versuchen zwar, wieder aus dem Ausnahmezustand in ein ,,normales'' Leben zurückzufinden und ihrem Job nachzugehen, aber über-all in der Stadt sieht man Photos von Vermissten, Blumen zum Gedenken an diese, Schreine und Flaggen in allen Größen. Man macht keinen Schritt, ohne an das Geschehene erinnert zu werden. Und die immer wieder auftretenden Anthraxfälle tun in dieser angespannten und unsicheren Zeit noch ihr übriges zur Stimmung der hier lebenden Menschen. Man hat nicht nur vielen Menschen ihre Liebsten genommen, sondern vielen ihre Existenz, fast allen ihre Perspektiven. Wir alle haben das Gefühl, bei Null anzufangen.

 

Doch das weckt den unerschütterlichen Pioniergeist, der in fast jedem Amerikaner steckt: Die Stadt verlassen? Warum sollte man sich den Absichten der Terroristen beugen, warum das eigene Leben, das man sich aufgebaut hat, einfach so hinwerfen und davonrennen?

 

Seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center ist der Big Apple um eines seiner symbolträchtigsten Wahrzeichen und Machtsymbole ärmer, dafür aber um eine Touristenattraktion reicher. Die Reste der einst so hoch in den Himmel ragenden Twin Towers sehen aus wie eine gotische Kathedrale und werden von Tausenden von Menschen aus aller Welt fotografiert - aber warum nicht? Unsere Generation hat so ein Desaster ja noch nie gesehen. Denn trotz der vielen Bilder in den Nachrichten nimmt man das Ausmaß der Katastrophe erst vor Ort richtig wahr.

 

Die Luft im Financial District, wo die Türme standen, ist noch immer rauchig, die Augen brennen dir, wenn du vor den Trümmern stehst. Ich war schon einige Male als freiwilliger Helfer unten am Ground Zero: etwa 40.000 Essen müssen täglich zubereitet werden, um alle Helfer vor Ort versorgen zu können. Es ist ergreifend, wenn man all die Freiwilligen sieht, jeder hat seine Geschichte und jeder will etwas tun, um mit dieser Situation leichter fertig zu werden. Ich hatte Glück: ich habe keinen meiner Freunde verloren, meine Wohnung wurde auch verschont und meinen Job, der mir viel Spaß macht, habe ich auch noch. Aber ich kenne Leute, die haben alles verloren. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen.

 

Ich habe kein Recht, bedrückt zu sein, denn ich bin gut davongekommen.

Langsam kehrt wieder Leben in die Stadt. Der Herbst ist schön und Thanks Giving steht vor der Tür. Hoffentlich bringt der Truthahn ein wenig Erleichterung und Ablenkung. Weihnachten wird wohl für sehr viele sehr schlimm werden und bis es ,,Back to Normal Life'' heißt, wird es noch ein Weilchen dauern. Denn selbst wenn Wörter wie Osama Bin Laden, Krieg, Anthrax und Schuld schon lange nicht mehr in den Tageszeitungen zu finden sein werden, wird ein Wort lange bleiben: Opfer. Und das auf beiden Seiten

 


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