Moskau brutal

So schön und aufregend Moskau sein kann, so widersprüchlich ist die Kreml-Metropole. Stellen auf der einen Seite Neureiche ihre Luxusautos und Designerkleider zur Schau, so kämpfen auf der anderen Seite Privatisierungsverlierer ums nackte Überleben. Alltags-beobachtungen von Alexander Grasmuck aus Moskau.

 

Das Wichtigste ist, dass der raue und kalte Winter vorbei ist.“ Irinas Ansprüche sind bescheiden. Die hübsche, dunkelhaarige, perfekt Englisch und Spanisch sprechende Moscovitin ist „gid“, Fremdenführerin. Sie führt den Autor dieser Geschichte durch die Moskauer Innenstadt, zugleich durch den Moskauer Alltag. Mutter ist die 25jährige bereits, Mutter eines dreijährigen Sohnes. Geschieden ist sie auch schon, seit zwei Jahren. Für ihren und ihres Sohnes Lebensunterhalt muss sie ganz allein aufkommen. Mit rund 15.000 Rubel im Monat (rund 500 Euro). Und das bei Lebensmittelpreisen, die dem Preisniveau eines westlichen Einkaufsladens um nicht viel nachstehen. Doch Irina ist hart. Abgehärtet. Schon im Alter von 15 Jahren wurde sie von ihren Eltern allein gelassen und musste versuchen, als Minderjährige inmitten der Wirren des im politischen Umbruch begriffenen Russlands ihr Überleben zu sichern. Es gelang ihr. Dementsprechend selbstbewusst ist sie jetzt: „Was einen nicht umbringt, macht einen nur stärker.“

 

Stark müssen sie alle sein, die in der Ostmetropole ihr Dasein fristen. Wer nicht resistent ist gegen die Fallen der Globalisierung, der geht gnadenlos unter. Wie in kaum einer anderen Stadt zeigen die Gesetze des Darwinismus in Moskau ihre Wirkungskraft. Mit ihrem Einkommen und ihrer Ausbildung (Gymnasium und Universität, wo sie Sprachen, Geschichte und Psychologie studierte) gehört Irina bereits der privilegierten Schicht der russischen Gesellschaft an. Wer von ihr durch die Moskauer Innenstadt geführt wird, den verwundert dies auch nicht: Viele Arbeitslose lungern wodkatrunken oder unter Einfluss von Drogen auf den Straßen und in den ob ihrer originellen Innenausstattung oft als Kunstwerk per se angesehenen U-Bahn-Stationen herum. Für sie birgt die Zukunft keinen Hoffnungsschimmer mehr.

 

Geplagt von Existenzängsten sind allerdings auch gut ausgebildete junge Leute. Sergej, ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften mit Studienaufenthalten in Wien und London, blickt verzweifelt in die Zukunft: „Ich sehe kein Licht mehr am Ende des Tunnels.“ Oder Igor, ein schon etwas in die Jahre gekommener Politikwissenschafter ukrainischer Abstammung. Mit verschiedenen Lehraufträgen und Forschungsarbeiten hält er sich und seine Familie über Wasser. Sein Ziel ist es, wieder zurück in den Westen zu kommen, wo er schon als Forscher tätig war, und zwar in Italien: „Das war für mich das Paradies auf Erden im Vergleich zu dem, was ich hier erlebe.“ Kein Wunder, bei einem monatlichen Einkommen von umgerechnet 100 Euro. Sein Überlebensmotto: „Not macht erfinderisch.“ Doch wer will ihn heute noch nehmen, einen Russen im Alter von über sechzig Jahren? Da können auch gute Referenzen und eine ellenslange Publikationsliste mit wissenschaftlichen Aufsätzen in mehreren Sprachen nicht weiterhelfen. Zahlreiche Ansuchen in den letzten Jahren, irgendwo in EU-Europa unterzukommen, sind abgelehnt worden.

 

Auch Ludmilla, eine Russisch-Lehrerin um die Vierzig, hat schon westliche Luft geschnuppert. In den frühen Neunziger Jahren des vorigen Jahrtausends, gleich nach dem Umbruch, machte sie mit einem Touristen-Visum für ein paar Wochen in Venedig Station. Heute noch lebt sie von der Erinnerung daran. Als Gast in ihrer 30-Quadratmeter-Wohnung in einem Moskauer Randbezirk, wo sie mit ihrem Gatten und ihren beiden Kindern lebt, hat man das Vergnügen, ein Video über die italienische Lagunen-Stadt zu sehen. Um die dreißig Mal habe sie dieses Video schon gesehen, jedes Mal seien ihr die Tränen gekommen. Auch dieses Mal. Tränen der Rührung, der Nostalgie, Tränen des Fernwehs...

 

Andere wiederum, Leute mit weniger guter Ausbildung, verdienen sich nicht mit Kopf und Intellekt, sondern mit Hand und Fuß, mitunter mit noch tiefer liegenden Körperteilen ihr Brot: Obst- und Gemüseverkäufer bieten auf den verstaubten Stiegen der großen Metrostationen ihre Produkte zu Mindestpreisen feil, Prostituierte – so sie nicht in den Westen verschleppt wurden - zeigen in den elendsten und gefährlichsten Vierteln Strip und Straps. Und wer einfach nur ein Auto hat, geistert zu später Stunde durch die Moskauer Boulevards und versucht sich als (nicht registrierter) Taxichauffeur, um betuchte Nachtschwärmer an den gewünschten Ort zu bringen. Hauptsache: Der Rubel rollt – und die Familie lebt.

 


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