Markus Strini
Der Kämpfer (box 3/01)
Es gibt viele Möglichkeiten sich in Ekstase zu versetzen, doch nur die wenigsten schaffen es auf dieselbe Art wie der Lebringer Ultra-Triathlet Markus Strini - nämlich durch Schmerzen und Qualen.
"Das Rennen entscheidet sich beim Laufen" - Worte die ihm immer wieder durch seinen Kopf gehen, die ihn anspornen, seine starken Schmerzen zu ignorieren und nicht aufzugeben. Der Asphalt scheint zu glühen, die Luft steht zwischen den Häusern und eine Temperatur von 33 Grad im Schatten lassen den Körper bis an seine Grenzen gehen. Die letzten Runden der Pflichterfüllung sind die schrecklichsten. Jeder Randstein und jede Unebenheit müssen nun von den Betreuern angesagt werden, denn der Athlet läuft wie in Trance. Dr. Erhart hatte Recht, hier trennt sich die Spreu vom Weizen.
Dr. Wolfgang Erhart ist einer der fünf Betreuer, die der 28jährige Wahl-Lebringer zu seinem Team zählt. Erhart selbst gewann auf der Ultra-Distanz so oft wie kein anderer. Er hält mit einer Zeit von 33 Stunden und 28 Minuten auch den Weltrekord in dieser Disziplin. Ziel bei diesem Wettkampf ist es, einen dreifachen Ironman zu finishen. Das bedeutet: 11,4 km zu schwimmen, 545 km Rad zu fahren und abschließend 126,6 km zu laufen - und das alles an einem Stück.
Markus Strini gelang es, diesen Ultratriathlon, der heuer am 22. Juni in Grenoble stattfand, als fünfter in einer Zeit von 38 Stunden und 28 Minuten zu beenden. Damit ging für ihn ein Traum in Erfüllung, aber es war auch eine Belohnung und Bestätigung für das harte Training, das sein ganzes bisherige Leben bestimmte.
Auf diese Reise ins Ich, wie er diese Strapaze gerne bezeichnet, hat er sich lange vorbereitet. Getrieben von einer unerschütterlichen Abenteuerlust, die ihn auch schon dreimal um die ganze Welt geführt hat, begann alles in der Sporthauptschule Bruckner in Graz. 1989 setzte er sein sportliches Talent professionell fort und wurde mit Waagner Biro Handballstaatsmeister und 1990 Vizehandballmeister, weiters ist er auch dreifacher Handballlandesmeister und spielte insgesamt vier Jahre Handball in der Staatsliga A. Triathlon betreibt er nun seit rund drei Jahren, immer mit dem Ziel im Hinterkopf, einmal einen Dreifach-Triathlon zu finishen. Obwohl es in dieser Sportart sehr schwer ist, Sponsoren zu finden, konnte der junge Ausnahmeathlet in den letzten beiden Jahren viermal den Ironman, eines der drei größten weltweit ausgestrahlten TV-Events, mit gutem Ergebnis beenden.
Doch bereits letztes Jahr stellte er sein gesamtes Training auf die Ultradistanz um, also auf lange und langsame Trainingseinheiten. So machte er im Winter oft mehrtägige Bergtouren mit dem Zelt und trainierte auch Einheiten in der Nacht indem er zum Beispiel mit dem Rad auf den Schöckl strampelte. Trainingshalber startete er heuer auch beim Vienna-City-Marathon, zu dem er aber mit dem Rad aus Lang bei Lebring, seinem Wohnort, anreiste und anschließend locker die 42,2 km zurücklegte. Sein Sieg bei den österreichischen Duathlon-Meisterschaften im Mai diesen Jahres war für den Häuselbauer schließlich der eindeutige Beweis: "Ich bin bereit für die Ultratriathlon WM in Grenoble!"
Insgesamt hatten sich 35 Athleten aus 12 Nationen qualifizieren können. Nach einem Trip durch die Hölle, sollten jedoch nur mehr 18 entkräftete Extremisten das Ziel erreichen. Obwohl der diplomierte Kinderkranken- und Säuglingspfleger heuer einen Quantensprung gemacht hat, bewältigte er keine einzige dieser Distanzen jemals zuvor. Doch hierbei kommt es weder auf die Muskelmasse noch auf Ausdauer an. Was hier zählt ist mentale Stärke. Wenn der Kopf nicht mitspielt und die Eigenmotivation auf der Strecke nachlässt, war alles umsonst. Der bloße Gedanke ans Aufgeben würde das gesamte Unternehmen zum Scheitern verurteilen.
Geschwommen wurde in drei Schwimmbädern in Le Fontil, etwas außerhalb von Grenoble. Der Startschuss ertönt um 8 Uhr morgens. Durch eine Wassertemperatur von 26 Grad und den Neoprenanzug verliert der Körper bereits hier Flüssigkeit und Strini muss alle 15 Minuten trinken und sich alle 30 Minuten flüssig ernähren. Es ist äußerst wichtig, dass der körpereigene Energiespeicher immer voll ist, denn ein auftretendes Defizit wäre nicht mehr korrigierbar.
Strini steigt als erster aus dem Becken und hat nun eine Stunde Zeit zum Startpult zu gelangen von wo aus die Radetappe beginnt. Doch wegen ungeklärter Schwierigkeiten seitens des Veranstalters IUTA wird er weitere 15 Minuten am Radstart gehindert. Kostbare Zeit, in der einige Franzosen bereits fleißig strampeln. Nach knapp 200 km fordert die Hitze ihre ersten Tribute. Immer wieder fährt die Rettung vorbei, da Athleten durch Sonnenstiche zu Sturz kommen. Auch für den Steirer treten Probleme auf. Fast hätte eine massive Schwellung am äußeren Rand des rechten Fußes Strini zum Aufgeben gezwungen, doch der Wille zum Sieg und der Wunsch, den eigenen Schatten zu überspringen, können einen Menschen Schmerzen anscheinend vergessen lassen. Gegen Mitternacht leeren sich allmählich die Straßen. Die einzige Abwechslung bieten nur noch gute Musik im Walkman und die Lichter der entgegenkommenden Athleten.
Inzwischen scheinen die kleinen Berge zur schier unüberwindbaren Wand zu werden. Kurz nach 10 Uhr am 23. Juni steht nun endlich der Wechsel zum Laufen bevor. Gegen 14 Uhr ist der erste Marathon geschafft und die Hitze ist wieder der größte Feind. Die Rennleitung will nun nicht den momentanen Rang des Südsteirers bekannt geben, aus welchen Gründen auch immer. Diese Situation drückt auf die Psyche. Gegen 20 Uhr hat es noch immer 30 Grad und Flüssigkeit kann dem Körper jetzt nur noch alle 500 Meter schluckweise zugeführt werden. Feste Nahrung und auch größere Flüssigkeitsmengen sind schon lange nicht mehr möglich.
Endlich ist es amtlich - Markus Strini liegt auf dem fünften Platz und geht hinter vier Franzosen mit einem Rückstand von 20 Minuten auf den Drittplazierten ins Ziel. Seinen Erfolg kann er nur kurz genießen, denn nach zwei Minuten bricht er zusammen und ist bewusstlos. Ein Mann der Extreme, dem im Zieleinlauf die Kraft zum Tragen der Fahne fehlt. "Das hatte ich mir in meinen Träumen anders vorgestellt", meint der stolze Sportler lächelnd.
Der seit kurzem glückliche Familienvater ist sich sicher, dass unter fairen Bedingungen ein dritter Platz drinnen gewesen wäre - that´s life! Ob er jemals wieder solch eine Anstrengung auf sich nehmen wird, kann er noch nicht sagen, denn der Schmerz steckt ihm noch in den Knochen. Aber wie man beim Sport gerne zu sagen pflegt: "Der Schmerz geht, der Stolz aber bleibt!"