Überdrüber-Flieger

Zwei Südsteirer dominierten die diesjährigen Österreichischen Meisterschaften im Segelkunstflug.

Vorsicht, diese Leidenschaft kann Ihr Bewusstsein verändern - und das im wahrsten Sinn des Wortes. Denn das Zusammenspiel von Mensch, Technik und Natur wird in keiner anderen Sportart authentischer erlebt als beim Segelfliegen. Unglaubliche Urkräfte wirken auf Körper und Geist, man ist mitunter hohen g-Kräften ausgesetzt und für einen Mitflieger, der sonst nur mit großen Flugzeugen in den Urlaub geflogen ist, wackelt das Segelflugzeug bereits heftig, wenn er mit diesem ganz einfach geradeaus fliegt. Dann ist das Kribbeln im Bauch nur eine Sache, die Hände werden feucht, der Puls beschleunigt sich, Adrenalin durchringt den Körper. Abgesehen davon verliert man bei den verschiedenen Flugmanövern ständig die Orientierung. Ging es gerade erst steil nach oben, fällt man im nächsten Augenblick senkrecht in die Tiefe, den Wiesen und Maisfeldern entgegen. In den Ohren spürt man einen gewaltigen Druck, im Kopf entsteht ein Blackout – die grenzenlose Freiheit über den Wolken hat seinen Preis. Und dennoch: Wer einmal von der Faszination des Segelfliegens gepackt wird, kommt von ihr kaum mehr los. Diese Leidenschaft teilen sich auch Dipl.-Ing. Dr. Dietmar Poll aus Kaindorf/Sulm und Dipl.-Ing. Dr. Klaus Leitner aus Leibnitz. Bei der Mitte August abgehaltenen österreichischen Staatsmeisterschaft im Kunstsegelflug in Kärnten holte sich Dietmar Poll in der Königsdisziplin Vollakrobatik den Staatsmeistertitel, Klaus Leitner wurde in der Klasse Halbakrobatik Vizestaatsmeister. Während der Kaindorfer bereits ein an Jahren reich erfahrener Strecken- und Segelkunstflieger ist und seit 1974 Topplatzierungen bei Welt-, Europameisterschaften sowie bei nationalen und internationalen Wettbewerben einflog, geht Klaus Leitner erst seit 2003 bei Segelkunstflugbewerben an den Start. Auf Anhieb wurde er damals Vizestaatsmeister.

Bei Wettbewerben im Segelkunstflug werden die Segelflieger mit Motorflugzeugen auf eine Ausgangshöhe von 1000 Meter gebracht. Nach dem Einfliegen in eine „Box“ von 1 x 1 x 1 km (HxBxL) müssen bestimmte Figuren exakt ausgeführt werden. Looping, Turn, Trudeln, Rolle, Rückenflug sind nur einige davon, die von Juroren am Boden bewertet werden. Geflogen wird mit speziellen Flugzeugtypen, welche auf die extremen Flugbedienungen ausgerichtet sind. Ständig ist man im Cockpit mit den zwei Pedalen und dem Steuerknüppel beschäftigt, betätigt Höhen-, Quer- und Seitenruder, die Anzeigenfelder am Armaturenbrett nicht außer Acht lassend. Klaus Leitner: „Beim Segelkunstfliegen erreicht man Geschwindigkeiten bis zu 300 km/h, es kommen g-Kräfte bis +7g (100 kg Körpergewicht wirken wie 700 kg) und solche bis -4 und -5g zum Tragen.“ Bei bestimmten Figuren kolabiert man für einen Bruchteil von Sekunden und man verliert kurz das Bewusstsein. „Alles nur eine Sache des Trainings“, so der sympathische Leibnitzer, der seit 2002 auch als Fluglehrer tätig ist und heuer bei der Segelkunstflug-WM in Moskau das österreichische Nationalteam betreute. Geweckt wurde seine Leidenschaft fürs Fliegen übrigens beim Union Modellbauclub Leibnitz.

 


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