Herbert Kohlhammer

Light my fire

Der Gamlitzer Herbert Kohlhammer arbeitet seit 1993 als freiberuflicher Beleuchter bei Film und Fernsehen. Erst kürzlich war er als Chefbeleuchter für dreizehn Wochen bei den Dreharbeiten zur neuen Staffel von 'Klinik unter Palmen' in der Karibik dabei.

 

Als es Herbert Kohlhammer 1991 der Liebe wegen von Gamlitz nach Wien verschlug, war das für ihn die Chance, sich auch beruflich neu zu orientieren, denn seine Ausbildung zum Speditionskaufmann und das Bundesheer wollte er so schnell wie möglich hinter sich lassen. Durch eine Bekannte seiner Freundin kam er zur Telefonnummer eines großen Wiener Lichtverleihs. Der Anfang im Filmgeschäft war sicher zäh, aber interessant genug, um dranzubleiben. Tagelang saß er zu Hause und wartet auf einen Anruf der Sekretärin. Und plötzlich klingelte es : ,,Hast Du von morgen bis Freitag Zeit?" Und ob! Per Fax kamen Disposition (Drehplanvorschau) und Wegbeschreibung. Und dann: Laden der LKWs, zum Motiv fahren, Lampen schleppen, Kabel wickeln, Material und Technik kennen lernen, mehrmals täglich tonnenweise Equipement hin und herschleppen, am Abend totale Erschöpfung.

 

Szene 1

November 1999, Ötztaler Alpen, Dreh zu "Die Skitour"

"Der Wecker klingelt. Heute werden Stunt-Szenen gedreht. Skifahrten, Verfolgungsjagd, Sturz in eine Gletscherspalte. Es ist noch verdammt früh, dunkel und kalt. Ich schlüpfe wieder einmal total schlaftrunken in meine vier Schichten Unterkleidung, meine zwei Paar Socken, Bergschuhe und Überhose - Goretexjacke , Daunenjacke, Haube und zwei Paar Handschuhe nehme ich als Handgepäck zum Frühstück mit. Um 5 Uhr geht's bei -23°C zuerst eine halbe Stunde mit dem Ratrak zur 1. Bergstation. Danach eine Stunden mit dem Skidoo und mit 2 t Lichtequipment vollbeladenen Anhängern zu meinem Arbeitsplatz - seit zwei Wochen immer wieder eine 40 m tiefe Gletscherspalte in den Ötztaler Alpen.

Klettergeschirr angeschnallt und los geht's. Die Scheinwerfer - bis zu 60 kg schwer - müssen so positioniert werden, dass sie die Stimmung in der Gletscherspalte verstärken. Jeder Griff und jede Lampe muss sitzen. Team und Schauspieler bewegen sich in ungewohntem und lebensgefährlichem Terrain - da kann niemand noch eine abstürzende Lampe, die groß genug ist, jemanden zu erschlagen, gebrauchen. Die Luft ist dünn. Ich trinke über den Tag verteilt 5 l Wasser, sonst bricht der Kreislauf zusammen. Bildnummer, Bildausschnitt und Kameraposition werden festgelegt. Scheinwerfer aufgestellt, verkabelt und eingeschaltet. Schauspieler proben. Statisten werden eingerichtet. Stellproben. Fertigmachen zum Dreh. Wir drehen. Ton ab - Ton läuft. Letzte Handgriffe. Kamera ab - Kamera läuft und ACTION!"

Zwei bis drei Tage nonstop durchjobben (Werbung), bei längeren Projekten unterschreibt man 60 Wochenstundenverträge. Man arbeitet an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen ebenso wie tagsüber oder die ganze Nacht. Man muss flexibel sein, gut mit anderen Leuten zusammenarbeiten können. Man muss sich behaupten können und auch hin und wieder für seine Überzeugung kämpfen. Man ist viel unterwegs, tage- oder wochenlang im Ausland, arbeitet oft Tage für eine Minute belichteten Film. Aber man lernt interessante Menschen und Persönlichkeiten kennen, manchmal entwickeln sich sogar echte Freundschaften. Das alles macht den Job zwar ziemlich anstrengend, dafür aber auch sehr abwechslungsreich.

 

Szene 2

März 2001, Karibik / Dreh zu "Klinik unter Palmen":

"Wir fahren im Konvoi zum Hafen - Licht-LKW und Aggregat, Kamerawagen, Tonauto, Kostümbus, Ausstattungs- und sieben Produktionsautos. Heute drehen wir auf einer 25 Meter langen Segelyacht. Als wir am Hafen ankommen, sind wir zum Drehen bereit, nur die Yacht ist nicht da. Obwohl uns versprochen wurde, dass sie pünktlich um 9:30 Uhr im Hafen vor Anker liegen würde. Wir warten. Soweit wie möglich laden wir die benötigte Technik auf den Kai. Vielleicht kommt die Yacht ja bald in den Hafen gelaufen. Nach 45 Minuten noch immer nichts in Sicht. Wir holen uns vom Catering einen Kaffee, rauchen eine Zigarette. Die Temperatur steigt auf 34 °C im Schatten. Irgendwie schmeckt der dritte Glimmstengel gar nicht mehr, aber was soll's.

Wir können ohne Yacht nicht drehen. Oder vielleicht doch? Regisseur, Aufnahmeleiter, Kameramann und Regieassistent beraten kurz. Dann, nach Drehplanänderung und Umdispositionieren von 40 Mann Team und Schauspielern werden Bilder am Kai vorgezogen. Aus mit dem Warten, die Kameraposition wird festgelegt, Scheinwerfer werden aufgestellt, verkabelt, eingeschaltet. Die Schauspieler proben. Statisten werden eingerichtet. Stellproben. Fertig machen zum Drehen. Wir drehen. Ruhe bitte. Ton ab. Mit 1,5 Stunden Verspätung wird die erste Klappe geschlagen. Nach 45 Minuten und 4 Takes alles im Kasten für 10 Sekunden Film. In der Zwischenzeit hat auch die Yacht am Nebensteg angelegt, sonst wäre sie uns bei den Kaiaufnahmen in den Hintergrund gesegelt."

Herbert Kohlhammer hatte gute Oberbeleuchter als Lehrer und Glück. Seine Arbeit war okay, die Anrufe kamen immer öfter. 1993 war er bei der 1. Staffel von "Kommissar Rex" dabei, später bei "Stockinger" und "Die Neue" am Mondsee. Seit 1998 ist er Oberbeleuchter und somit Chef des Lichtdepartements, verantwortlich nicht nur für den reibungslosen Ablauf und das Funktionieren der Technik, sondern auch für die künstlerische Gestaltung des Lichts, schafft Stimmungen, lässt Düsteres noch düsterer aussehen, Schöneres noch schöner. Er arbeitete mit Regisseuren wie Michael Schottenberg, Xaver Schwarzenberger, Harald Sicheritz, Kurt Meyer, Peter Patzak, Otto Retzer u.v.m. Mittlerweile gilt er als einer der besten Oberbeleuchter in Österreich.

 

Szene 3

März 2001, Karibik / Dreh zu "Klinik unter Palmen"

"Equipment in LKW's verstauen, an den nächsten Steg fahren, Equipment aufs Schiff laden und ablegen. Nach 40 Minuten, in denen wir so weit wie möglich Vorbereitungen treffen, haben wir kein Land mehr in Sicht. Dafür aber sechs Meter hohe Wellen. Mir wird langsam schlecht, immer schlechter. Wir müssen uns und unser Equipment sichern. Schauspieler machen sich bereit, der erste kotzt über die Reeling. Ich bin froh, dass nicht ich es bin. Alles geht seinen gewohnten Lauf - mit leicht grün eingefärbten Gesichtern. Ich halte eine Sonnenblende für den Hauptdarsteller. Ich muss so ruhig wie möglich bleiben, sonst verändert sich das Licht im Gesicht des Darstellers. Mann, ist mir schlecht. Nur nicht bewegen. Ich kann nicht länger. Ohne die Sonnenblende zu bewegen, kotzte ich so unauffällig wie möglich. Ich sehe mich um und bin erleichtert. Das halbe Team ist schwerst seekrank. Danke. Nächste Einstellung. Das geht so bis Sonnenuntergang. Arbeiten - Kotzen - Arbeiten.

Um 18:30 Uhr endlich festen Boden unter meinen Füßen. Trotzdem schaukelt es in meinem Kopf nach. Wieder einmal laden wir unser Equipment zurück in die LKW's und fahren im Konvoi zum nächsten Motiv. Eine Villa. Außen, Nacht. Eigentlich sind wir alle vollkommen geschafft, aber das Nachtbild muss noch gedreht werden, sonst kommen wir in Zeitverzug. Und besonders beim Film gilt: Time is Money. Wir entladen unseren Siebentonner, gehen an die Arbeit. Nach 16 Stunden heißt es endlich DREHSCHLUSS. Nur noch einmal alles einladen, zurück ins Hotel fahren und fertig. Zumindest bis morgen. Dann geht's von vorne los, nur an einem anderen Motiv."

 

Im August 1998 wurde seine Tochter Hannah geboren, starb beinahe drei Tage nach der Geburt. Das war eine der schwierigsten Zeiten für seine kleine Familie. Er unterbrach seine Arbeit, blieb die kritischsten Tage am Krankenbett seiner Tochter und nahm in der nächsten Zeit weniger Angebote an. Als nach sechs Monaten klar war, dass keine Folgeschäden bleiben würden, stürzte er sich zurück ins Berufsleben. Nicht immer ist es leicht, einen solchen Job und das Privatleben unter einen Hut zu bringen, doch seit zehn Jahren klappt das mit seiner Freundin Barbara recht gut. Ziele? Die spannendsten Drehbücher schreibt noch immer das Leben. Er lässt sich überraschen. Aber so richtig kann er sich nicht mehr vorstellen, von montags 9 Uhr bis freitags 15 Uhr am Schreibtisch zu sitzen. "Wenn einen der 'Virus Film' einmal befallen hat, lässt er einen nicht mehr so schnell los!"

 

 


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