Helmut Eisendle
Ein Zigeunerleben
„Ein Stück blauen Himmels“ heißt das neue Buch des steirischen Schriftstellers Helmut Eisendle. Der Philosoph unter den österreichischen Gegenwartsautoren hat eine ganz spe-zielle Beziehung zur Südsteiermark, in die er nach Reisen durch ganz Europa immer wieder gerne zurückgekehrt ist.
Eisendle, Helmut. Dem Belletristik-Publikum ist der 1939 in Graz geborene Schriftsteller nur selten ein Begriff. Zu wenig Action. Keine ausufernden Beschreibungen irgendwelcher Familienkonflikte. Kein literarisches Flirten mit Auflagenzahlen und Bestsellerlisten. Stattdessen philosophische Sichtweisen der Welt, gepaart mit der Lust am Formulieren. Helmut Eisendle lebt seit 1972 als freier Schriftsteller und gilt neben Gert Jonke und Gerhard Roth als einer der „Szientisten“ der österreichischen Gegenwartsliteratur – auch wenn er mit dieser Schubladisierung nicht immer glücklich ist: „Ich bin kein wissenschaftlicher Autor“, rückt Eisendle zurecht. „Wissenschaft hat mehr Erkenntnisansprüche und Erkenntniswünsche als ich. Ich spiele mich zu sehr mit Worten und Begriffen.“ Das fassbare Ergebnis von Eisendles Spiel mit den Worten: etwa 40 Bücher, 25 Hörspiele, Theaterstücke und Fernsehfilme. Sein jüngstes Buch „Ein Stück blauen Himmels“, das Ende August im Salzburger Residenz-Verlag erschienen ist, hat aktuelle Bezüge.
Nicht nur der im Buch geschilderte Selbstmord hat sich tatsächlich ereignet, auch die Auseinandersetzung der Hauptfigur mit dem Tod ist der Wirklichkeit entlehnt: zur Zeit kämpft Helmut Eisendle gegen eine schwere Krebserkrankung. Trotz Chemoteraphie und Erschöpfung nimmt sich der Exil-Steirer Zeit für ausführliche Gespräche über seine Arbeit. „Als ich in der Intensivstation aufwachte, sah ich lauter Wale vorbeifliegen, und oben irgendwo ein Stück blauen Himmels. Das zu beschreiben – da wird Literatur erst interessant.“
Das Glück der Gegend
Eisendles Liaison mit der Südsteiermark geht bis ins Jahr 1959 zurück. „Ich war damals Telefontechniker bei der Post“, erinnert er sich an seine erste Ehe mit einer Arnfelserin. „Sie war auf der Kunstgewerbeschule, mit Ringel und anderen. Ich wollte das auch, aber mein Vater war der Meinung, dass ich einen Beruf erlernen sollte, also ging ich bei der Post in die Lehre. Ich war im Bereich Entstörung tätig – eigentlich eine schöne Berufsbezeichnung“, lächelt Eisendle. Aus „irgendwelchen Komplexen heraus“ holte er am Gymnasium für Berufstätige die Matura nach und studierte dann an der Universität Graz Philosophie, Psychologie und Biologie. Nach seiner Promotion im Jahr 1970 „waren alle Familien glücklich, weil ein Doktor damals was gegolten hat.“ Eisendle begann in der Pharmaindustrie zu arbeiten und betrieb in Graz eine Gruppenpraxis nebst angeschlossener Wohngemeinschaft. „Das war für die Grazer recht revolutionär, obwohl wir uns gar nicht als revolutionär empfanden. Wir waren schon politisch, aber eher von einem idealistischen Standpunkt aus.“
Das Experiment war nicht von langer Dauer: als sich Praxis und Wohngemeinschaft aufzulösen begannen, gingen Helmut Eisendle und seine Frau zunächst nach Barcelona; dann nach Berlin, wo auch die Ehe in die Brüche ging. Helmut Eisendle steuerte bereits das nächste Ziel an: München. „Es war ein richtiges Zigeunerleben, wie meine Mutter sagte.“ Von München führte ihn seine Reise dann über das italienische Friaul und Triest letztlich wieder in die Steiermark; zuerst nach Ottenberg, dann ins Sulztal. „Eine wunderschöne Gegend. Wir waren sehr glücklich dort.“ Ein überliefertes Dokument von Helmut Eisendles Romanze mit der Gegend ist das im Grazer Trauschl-Verlag erschienene Buch „Die südsteirische Weinstrasse“ (1984). „Das hat den Bauern besonders gefallen, weil ich jede Buschenschank erwähnt habe. Damals war die Straße viel romantischer als heute, aber ich mag die Gegend noch immer. Sie wird zwar immer wieder mit der Toskana verglichen, aber treffender wäre eigentlich: Die Toskana ist die Südsteiermark Italiens.“ Eisendle erinnert sich daran, wie er einmal eine Woche beim Weinlesen mithalf: „Das war beinharte Arbeit, für die der Wein eigentlich viel zu billig verkauft wird. Man kann die Weinbauern nur bewundern.“
Zurück in Wien
Nach Wien, wo Eisendle heute lebt, trieb ihn schließlich das Canetti-Stipendium, das mit der Bedingung verknüpft war, in der Großstadt präsent zu sein. „Das war sehr schade, denn ich hätte das Haus, in dem wir in der Steiermark gelebt haben, damals sogar kaufen können – für gar nicht einmal so viel Geld.“ Undeutliche Erinnerungen, die für Aussenstehende gar nicht klar werden müssen. Eine Beziehung löste sich „irgendwie“ auf – aber „nicht meine Beziehung zur Gegend, sondern die Beziehung einer Frau zu mir“ – und Eisendles Leben ging in eine andere Richtung. Heute, als Wahl-Wiener, hält Eisendle die Kulturhauptstadt Graz nicht mehr aus, weil sie „nicht mehr das Graz meiner Jugend ist.“ Sein liebster Platz in der Steiermark ist der Hof seines Nachbarn: „Du stehst auf der Weinstrasse und schaust in ein Meer hinein...“, sinniert Helmut Eisendle.
Weniger nachdenklich gibt sich der Autor, wenn es um die österreichische Tagespolitik geht: „Ich frage mich, wo die Ideale hingekommen sind“, meint er. „Als ich ein junger Telefontechniker war, gab es Leute wie Bittermann oder Fiegl. Die waren aufrecht konserativ oder aufrecht sozialdemokratisch, hatten noch eine kämpferische Note. Heute ist alles kapitalisiert.“ Mit anderen Worten: „Nicht mehr authentisch. Nur wenn man authentisch ist, ist man wirklich gut.“ Als Beispiel nennt Helmut Eisendle seinen Freund und Schriftsteller Franz Innerhofer: „Jeder Text war ein Teil von ihm. Da hat man den Angstschweiß und die Betroffenheit gemerkt“, beschreibt Eisendle und fügt hinzu: „Ich bin wirklich sauer, dass sich der Franz umgebracht hat, ohne mir etwas zu sagen. Ich hätte es ihm schon ausgeredet.“
Ausgeredet. Helmut Eisendle hat noch lange nicht ausgeredet. Trotz seiner schweren Krankheit – oder vielleicht gerade deswegen – hat er bereits Pläne für weitere Veröffentlichungen. Dieses Stück blauen Himmels, das er gesehen und metaphorisch zu einem Buch verarbeitet hat, soll noch nicht das letzte gewesen sein. Weder für ihn, noch für uns Leser.
Text: Chris Haderer, Foto: privat/Lisi Moessler