Die Azoren

 

Die Azoren sind ein aus neun Inseln bestehender Archipel, der den äußersten Westen Europas bildet. Ein ungewöhnliches, dafür aber umso spannenderes Reiseziel.

 

Meistens assoziiert man mit den Azoren das meteorologisch so verheißungsvolle Hochdruckgebiet, das auf Grund seiner Stabilität und Reichweite für lang anhaltende Schönwetterperioden in West- und Mitteleuropa garantiert. Wenigen ist hingegen bekannt, dass sich hinter diesem Wort ein aus neun Inseln bestehender Archipel verbirgt, der den äußersten Westen Europas bildet und sich auch gleichzeitig an der Nahtstelle dreier tektonischer Platten befindet (Amerikanische, Europäische und Afrikanische Platte). Die divergierende Bewegung der Erdplatten Europas und Amerikas bewirkt, dass Flores und Corvo, die beiden westlichsten Inseln kontinental gesehen bereits zu Nordamerika gehören, während der Rest des Archipels eindeutige Zugehörigkeit zu Europa besitzt. Eng verbunden mit ihrer Entstehung sind bis in die Gegenwart andauernde vulkanische Aktivitäten sowie die sich daraus ableitende Formenwelt.

Setzt man die Füße auf die Insel Pico, so wird jedem Neuankömmling immer die gleiche Frage gestellt: „ Gehst du auf den Pico ?“ Gemeint ist damit das vulkanische Paradestück der Inseln, der 2351 Meter hohe Pico. Mit seinen steilen Flanken gibt er einen klassischen Kegelvulkan ab, der in rund 3 Stunden ersteigbar ist, sofern man die Auffahrtmöglichkeit bis in 1200 Meter Höhe nutzt. Dann hat man allerdings erst den Kraterrand erreicht und merkt, dass sich aus dem Kraterboden ein weiterer kleiner Vulkan erhebt, der den eigentlichen Gipfel darstellt. Nach einer weiteren, circa zwanzigminütigen Kletterei und bei guter Sicht scheinen einem die beiden Nachbarinseln    Faial und Sao Jorge zu Füßen zu liegen.

Durch ihre Isolation vom Festland konnten Traditionen und Bräuche auf den Inseln bis heute in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden. Die alljährlich an mehreren Sonntagen im Sommer immer wieder kehrenden Stierkämpfveranstaltungen in Beira, einem winzigen Dorf auf Sao Jorge, sind hierfür eine eindeutige Bestätigung. Es sind dies Stierkämpfe besonderer Art, denn der zentrale Dorfplatz fungiert dabei als Arena. Straßen und Wege, die hier einmünden, werden verbarrikadiert und bieten neben Balkonen und Mauervorsprüngen den zahlreichen Zuschauern weitgehende Sicherheit. Am Reizen des Stieres kann sich eigentlich jeder beteiligen, sofern er über ausreichend Mut verfügt. Ein  laut über den Kampfplatz  schallendes „Juhu“ aus den Kehlen der begeisterten Zuschauer ist einem sicher, wenn es gelingt, die den Stierhörnern übergestülpten Hülsen zu berühren, geschweige sogar zu entwenden. In, für die vom Stier Verfolgten, äußerst brenzligen Situationen, erbringt ein ca. 300 Meter langes Seil, das am Hals des Tieres befestigt ist, gute Dienste. Dann treten nämlich die „Kampfbeobachter“ (10 Männer) auf den Plan und versuchen durch ruckartige Züge am Seil den Stier in seiner Vorwärtsbewegung abrupt zu stoppen.

Etwa auf halber Strecke zwischen Boston und Lissabon hat sich Horta auf der Insel Faial zum Mekka der Transatlantiksegler etabliert. Erster Anlaufpunkt für diese Wasserfesten ist dann immer Peter’s Café Sport, das sich unmittelbar jenseits der Hafenmauer befindet. Vor diesem Stelldichein mit Tradition, in dem u.a. Post für andere Segelcrews hinterlegt werden kann, aber auch Mitfahrgelegenheiten vermittelt werden, öffnet sich der Blick über die gesamte Hafenanlge, in deren Hintergrund sich in der Ferne der Pico, der Berg der Berge auf den Azoren direkt aus dem Meer erhebt. Nicht zu übersehen sind dabei die unzähligen bunten bildhaften Ausschmückungen, die an der Hafenmauer durch Seefahrer der verschiedensten Bootsklassen angebracht wurden. Einen grandiosen Überblick von der Stadt kann man sich vom leicht erreichbaren Monte da Guia verschaffen, der zwischen Porto Pim, dem alten Hafen und der Marinas eine natürliche Grenze bildet.

In der Ponta dos Capelinhos im Westen Faials sind die Folgen des gewaltigen Vulkanausbruchs von 1957/58 nicht von der Hand zu weisen. Damals schlug die Geburtsstunde einer neuen Insel, die auf Grund der langandauernden Eruptionen bald mit der Westküste dieser Insel in Verbindung geriet. Immerhin erfuhr Faial auf diese Weise seinerzeit eine Vergrößerung um ganze 2,4 Quadratkilometer. Asche, Sand, Schlacke, Lapilli und vulkanische Bomben sorgen für ein abwechslungsreiches Landschaftsbild mit wüstenhaftem Gepräge.

Endlose Girlanden von Hortensien überziehen bis in Höhen von ca. 1000 Meter die grünen Inseln, säumen Wege, Straßen Weiden und Fluren. Die große Dichte ihres Auftretens und der landschaftsprägende Liebreiz, der von Ihnen ausgeht, macht sie gleichsam zum Wahrzeichen der Azoren. In steileren Lagen läuft ihnen allerdings bereits der wilde Ingwer den Rang ab, der mit seinen großen, gelben Blütenständen für tolle Farbkontraste sorgt. Die Hochflächen beherrschen hingegen Wacholder, Baumheide und Lorbeer, je nach mikroklimatischer Gegebenheit in Strauch- oder sogar in Baumform entwickelt.

Im Allgemeinen sind die Inseln in ihrem Habitus einander sehr ähnlich. Ein zentrales Hochplateau, das durch einige Krater oder Calderen deutliche Narben zeigt, ist landschaftsbestimmend und nimmt in Form von Steilabbrüchen die Verbindung zum Meer auf. Vereinzelt haben sich in Folge von Erosions- und Akkumulationsvorgängen „Fajas“, fächerartige Aufschüttungsebenen gebildet, die selbst bis in die Gegenwart teilweise noch besiedelt und bewirtschaftet sind. Ihre Abgeschlossenheit (lange Zeit nur auf Saumpfaden über das Hochplateau erreichbar) führte allerdings im Laufe der Jahrhunderte zu einer starken Abwanderung aus diesen Regionen. So gesehen darf es nicht verwundern,  wenn ein Großteil der Häuser in den Fajas heute dem Verfall preisgegeben ist. Trotzdem zählen die Wanderungen zu den Fajas dos Cubres, Ouvidor und Santo Cristo auf Sao Jorge mit Sicherheit zu den lohnendsten Touren auf dieser Insel.

Vielerorts hat man den Eindruck, es wäre hier die Zeit stehen geblieben. Die Mehrheit der Azoreaner führt im Vergleich zu uns  ein sehr bescheidenes Dasein. Vielfach begnügt man sich mit dem, was der eigene Garten bzw. die Landwirtschaft abwirft. Obwohl eigentlich gute Bedingungen für die Milchproduktion vorliegen (saftig grüne Weiden, Weidewirtschaft ganzjährig im Freien möglich) haben bereits viele klein- und mittelbäuerliche Betriebe wegen des Preisverfalls durch die Europäische Union das Handtuch geworfen und sind zur Mutterkuhhaltung übergegangen.

Das Fernsehen als Unterhaltungsmedium tauscht man gegen den Marktplatz, wo man sich gerne allabendlich zu einem Tratscherl trifft. Wem der Weg dorthin zu weit erscheint, der setzt sich einfach vor die eigene Haustüre und schaut, was die Straße so alles zu bieten hat. Neben der Landwirtschaft und der Fischerei gewinnt, wirtschaftlich betrachtet, immer mehr der Tourismus an Bedeutung. Wer diesem entgehen möchte, ist auf Flores, der grünsten der grünen Inseln, mit sieben Kraterseen und dem höchsten Wasserfall der Azoren sehr gut aufgehoben. In Faja Grande, dem westlichsten Dorf Europas kann man fern von jedem Rummel ausspannen und wieder Ruhe finden, verbunden mit der Möglichkeit, die vom Golfstrom aufgeheizten glasklaren Fluten des Atlantiks zu genießen oder auf reizvolle Pfade seinen Heißhunger nach landschaftlichen Idyllen zu stillen.

 

Text & Fotos: Heimfried Mittendorfer


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