Auf Humboldts Spuren

Reisen, die man im Reiseprospekt nicht finden kann, sind seit Jahren das Ziel von Gerhard Hödl aus Gralla. Der letzte Trip ging in den Süden Brasiliens zu den Guaranis-Mbya-Indios und auf die Insel (Ilha) Grande.

 

Die Anreise bis in den unbekannten Süden Brasiliens dauert mit Flugzeug und Bussen an die 22 Stunden. Paraty ist eine der schönsten und besterhaltenen Kolonialstilstädte der Welt und wird von der Unesco als Weltkulturerbe geschützt. Bekannt aus der Geschichte wurde Paraty im 17. Jahrhundert auf Grund seiner Lage als Goldkammer genützt, da dort die Portugiesen vor Seeräubern sicher waren. Alles Gold aus Brasilien wurde in diesem Hafen gelagert und für die lange Überfahrt nach Portugal verschifft.

 

In Paraty befindet sich der Sitz des „Secretaria do Meio Ambiente“, das für Schutz, Gesundheitsvorsorge und Besuchsgenehmigung des Stammes der Guaranis-Mbya-Indios zuständig ist. Für die Besuchserlaubnis müssen die Landessprache sowie ein Kulturverständnis gegenüber den Indios nachgewiesen werden. Um diese Voraussetzungen zu erfüllen, bestand unsere Gruppe neben zwei weiteren Steirern namens Franz und Walter, auch aus der Brasilianerin Mariana, die in Graz Soziologie studiert und als Dolmetsch zur Seite stand. Drei Tage dauerte die Behörden-Prozedur, eine gute Gelegenheit, sich dem Flair dieser wunderschönen Kolonialstadt und der umliegenden Inselwelt zu widmen. Araponga liegt etwa eine Busstunde und weitere sechs Marschstunden von Paraty entfernt in einem der bestgehüteten Urwälder Brasiliens, dem Mata Atlantico. Über Trampelpfaden geht es mitten durch den Dschungel. Das erste Hundebellen verrät unser Ankommen im Dorf.

 

Da wir schon öfter Kontakt mit Indios hatten, wissen wir, dass man solange vor dem Dorf wartet, bis zuerst die Kinder auf Grund ihrer Neugier das Dorf informieren. Dann folgt – im günstigsten Fall - vom Häuptling (Cacique = Chef) die Einladung ins „Gästehaus“. Darunter versteht man in diesem Dorf im Süden Brasiliens vier Bambusstangen, ein Dach aus Bananenblättern, das Haus im Ausmaß von 4 x 4 Metern und zum Sitzen drei Holzbretter auf Holzpflöcken. Damit sind die Gästehäuser ein Abbild ihrer eigenen Wohnstätten, deren Wände mit einem Geflecht aus Holz und Lehm verkleidet sind.

 

Bei der Begrüßung zeigt uns der 71 Jahre alte Häuptling, wer das Sagen hat. Sehr lautstark fällt diese aus: wir und vor allem auch sein Volk sind beeindruckt! Obwohl seine Körpergröße nicht mehr als stattliche 150 cm beträgt, kommt er uns mit seinem Federkopfschmuck und vor allem mit seiner donnernden Stimme ziemlich groß vor. Nach dem ersten Abtastungsritual und Zusammensitzen im „Gästehaus“ kommen schon die ersten Fragen: woher wir wohl kommen mögen, wo Austria liege und wie lange man mit dem Autobus dorthin bräuchte...

 

Während sich der Häuptling und Dolmetsch Mariana unterhalten, packen wir Männer die Geschenke fürs Dorf aus. Danach waren keine Übersetzungkünste mehr notwendig und alle Verständigungsschwierigkeiten sofort verschwunden: für die Kinder hatten wir Süßigkeiten und für die Erwachsenen hatten wir Fisch und Fleisch in Dosen mitgebracht. Keinesfalls sollte man, wenn man in solche Dörfer kommt, Alkohol oder Rauchwaren mit sich nehmen, da das Rauchen nur für rituelle Zwecke angewendet wird und Zigaretten sogar als „Teufelsschnuller“ verpönt sind.

 

Da die Guaranis-Mbya-Indios weder Strom noch sonstige für uns normale, lebensnotwendige Dinge zur Verfügung haben, ist ihr Tagesablauf ganz dem Besorgen von Essbarem gewidmet. Die Männer gehen mit Pfeil und Bogen auf die Jagd, Frauen und Kinder sind mit dem Herbeiholen von Wasser und Früchten sowie dem Kochen und der Kindererziehung beschäftigt. Abseits von Straßen und Wegen lebend ist ihr einziges Transportmittel in die Zivilisation ein Esel, den sie – wie das Land, auf dem sie leben – von der brasilianischen Regierung vor elf Jahren zur Verfügung gestellt bekommen haben. Über dieses Land, das zu weit von anderen Dörfern entfernt liegen würde, beklagten sie sich sehr. Viele ihrer Familien haben aus diesem Grund schon das Dorf verlassen, um in die Städte zu ziehen. Weil sie weder schreiben noch lesen können, ist ihr Leben in Städten wie Sao Paulo mit seinen 22 Millionen Einwohnern zum Scheitern verurteilt. Zur Zeit leben in Araponga noch 26 Personen.

 

Nach dem Austauschen ihrer und unserer Fragen ist Musik angesagt. Lieder, begleitet von Gitarre, Geige und traditionellen einheimischen Instrumenten werden von den Kindern dargeboten. Unsere Begeisterung ist groß. Noch größer wird dann aber unsere Verwunderung, als uns ihre Musik auf CD präsentiert und zum Kauf angeboten wird, obwohl sie selbst keinen Strom im Dorf besitzen. Der Cacique erklärt uns sodann, dass die Organisation FUNAI (Fundocao nacional do Indio) zum Schutze der Indios ein Forschungsprojekt zum Wiederentdecken ihrer Tradition, Lieder und Instrumente von vor 500 Jahren (bevor die weißen Europäer ihr Land eroberten und ihre Kultur zerstörten) durchgeführt hat – das Ergebnis ist diese CD. Damit können sie neben dem Verkauf von handwerklichen Gebrauchsgegenständen wie Körben und Netzen ein bißchen Geld verdienen.

 

Die Große Insel, Ilha Grande, ist die zweitgrößte Insel Brasiliens und wurde erst 1999 für den Tourismus freigegeben. Davor diente sie als Staatsgefängnis und Militärbasis. Restbestände davon sieht man heute noch.

 

Nachdem sich die ganze Insel dem sanften Öko-Tourismus verschrieben hat, gibt es hier weder Autos, Hotels noch Discos. Die Bewohner leben heute als Fischer – früher trieben dort Piraten ihr Unwesen. Abenteuerlustige Taucher bergen noch immer längst verschollene Schätze aus den Gewässern vor der Ilha Grande.

 

Einen dieser Fischer wollen wir für eine Fischertour engagieren. Ein Blick aufs Meer überzeugt den erfahrenen Seemann davon, doch dem Kartenspiel den Vorzug zu geben. Auf die Frage nach der Ausfahrt am nächsten Morgen, antwortet er sehr weise mit:„Wer weiß schon, was morgen sein wird...“ Sehr deutlich zeigte er uns damit seine Präferenzen im Leben auf: Freizeit/Freiheit statt Geld.

 

Wir kamen nicht als Taucher, sondern als Trekking-Freaks, um die Insel zu erforschen. Sie ist ein Paradies mit fantastischen Wandertouren von Gipfeln mit knapp 1000 Metern sowie einsamen Stränden wie etwa dem „Lopez Mendes“, der zu den fünf schönsten Stränden dieser Welt zählt. Natürlich bergen solchen Touren auch viele Gefahren, die uns als Europäer nicht bewusst sind. Schlangen, Spinnen und Insekten lauern überall und sorgen für Adrenalinstöße der besonderen Art.

 

Wer sich dem Kick eines solchen Öko-Trips aussetzen möchte, muss sich sehr wohl bewusst sein, dass die schönsten Dinge der Welt nicht einen Meter abseits der Straße liegen, sondern im Verborgenen. Die Natur schützt sich damit, dem Menschen viele Steine in den Weg zu legen.

P.S.: Sportliche Konstitution und Impfungen sind unerlässlich für diese Reise. Infos: www.paraty.com.br und www.ilhagrande.com.br

 

 


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