Andrea Wenzl
Bühnenzauber
Mit Andrea Wenzl reift im Grazer Schauspielhaus ein großes Talent als Charakterdarstellerin heran. Die junge Leibnitzerin überrascht in ihren Rollen immer wieder mit ausdrucksstarken Interpretationen.
Der Saisonauftakt vergangenen Herbst im Grazer Schauspielhaus hat Seltenheitswert. Mit Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ setzt die Theaterleitung ihr ganzes Vertrauen in ein junges Ensemble und wird dabei nicht enttäuscht. In einer Stadt wie Graz, die sich wie keine andere in Europa der Avantgarde verschrieben hat, scheint es verständlich, dass man gerade aus diesem Bewusstsein heraus auf Neues nicht verzichten will und kann. Schauspieldirektor Matthias Frontheim inszeniert Schnitzlers Seelendrama mit einer akribisch, stringenten Personenführung, die weit über eine Deutung, eine Interpretation eines „Wir-sind-eine-kleine-Bühne“-Image hinausgeht. Frontheim fordert hohe Ansprüche von seinem gesamten Ensemble und führt es zu schauspielerischen Höchstleistungen, die nicht allein vom Publikum, sondern auch von der Presse mit hervorragenden Kritiken belohnt werden. Einen nicht unwesentlichen schauspielerischen Anteil an diesem Triumph hat eine junge Leibnitzerin: Andrea Wenzl. Man feiert sie als „die Entdeckung des Abends“.
Die äußerst symphatische Südsteirerin mit einem festen Engagement am Grazer Schauspielhaus kommt in der laufenden Saison bei gleich mehreren Produktionen zu ihren Bühnenauftritten. Der Weg dorthin begann, wenn auch ganz bescheiden, für die jetzt so erfolgreiche 24jährige Schauspielerin in Leibnitz. Mit drei Jahren erhielt Andrea Wenzl ihren ersten Ballettunterricht und „genoss sichtlich die Aufmerksamkeit, die man ihr als begabtes kleines Mädchen schon damals entgegenbrachte“, erzählt uns stolz ihre Mutter. Frau Wenzl erkennt sofort das große Talent ihrer Tochter und fördert dieses gemeinsam mit ihrem Mann. In den folgenden Jahren erhält Andrea eine fundierte tänzerische Ausbildung, die sie heute als Schauspielerin nicht mehr missen möchte. Ihre Stationen sind die Ballettschule der Wiener Staatsoper ebenso wie jene der Grazer Oper.
Allein in diesem Grazer Haus nimmt sie sechs Jahre Tanzunterricht. Ihr Lebensziel ist zu dieser Zeit voller Energie und Kraft, ihr Engagement für die Bühne enthält viel Stürmisches und Drängendes und so ist es nur logisch, dass Andrea Wenzl sich ganz der Schauspielkunst zu verschreiben beginnt. So startet sie nach einem mehrjährigen Engagement am Jugendtheater am Ortweinplatz und am Schauspielhaus Graz an der Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst das Schauspielstudium. Andrea Wenzl arbeitet unermüdlich, schärft ihre eigene ästhetische Ausdrucksform, legt großen Wert auf die stimmliche Ausbildung. „Der Unterrichtsplan ist breit gefächert. Musikalischer Grundunterricht und theoretischer Unterricht in Theatergeschichte gehören ebenso zur universitären Ausbildung wie etwa Fechtunterricht, Akrobatik und das Spielen in einem Ensemble.“ Mit ihrem vorerst zweijährigen festen Engagement am Grazer Schauspielhaus hat die künftige Mag. artis eine wichtige Hürde in ihrer Karriere genommen. „Die Konkurrenz ist gewaltig.
Denn den jährlich rund 400 Universitätsabgängern stehen nur zirka 60 vakante Schauspielposten gegenüber.“ Eine großartige Visitenkarte für das schauspielerische Talent der Leibnitzerin.
Neben Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“ feiert die Grazer Bühne mit einer Reihe von weiteren attraktiven Aufführungen große Publikumserfolge. So wurden Elfriede Jelineks Prinzessinnendramen („Der Tod und das Mädchen II und III“) für den mit 10.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2003 nominiert. Im aktuellen Schauspielplan brilliert Andrea Wenzl in „Schade, dass sie eine Hure war“ von John Ford. Sie imponiert in ihrer ersten Hauptrolle als zerbrechlich-verliebtes aber dennoch stures Mädchen in einer leidenschaftlichen und mit unglaublich viel Emotionen gespielten Rolle auf der Probebühne des Schauspielhauses.
In Thomas Guglielmettis erfolgsverwöhnter Aufführung „Janis Joplin“ – ein Stück Rock ´n´ Roll mit Monique Schwitter als umjubelte Hauptdarstellerin setzt sich Andrea Wenzl als Schwester Laura stimmlich wie darstellerisch eindrucksvoll in Szene. Und in der jüngsten Produktion „Frühlingserwachen“ von Frank Wedekind liefert Andrea Wenzl in der Rolle der Wendla Bergmann wiederum eine perfekte Vorstellung als attraktive, ernstzunehmende Darstellerin.
Henry Sams
Infos: www.theater-graz.com
Foto: Manninger